„Ein unerwartetes Arsenal an Kraft im Angesicht von Widrigkeiten“

Finnen gelten als verschlossen, fühlen sich aber sehr zufrieden. Vielleicht liegt das an einer Nationaleigenschaft namens „Sisu“. Was ist das?

Eine junge Finnin sitzt zufrieden lachend in einem gelben Ruderboot und rudert auf einem See
Finnen gelten als verschlossen, fühlen sich aber sehr zufrieden. © Westend61/Getty Images

Frau Lahti, der finnische Begriff Sisu ist kaum übersetzbar. Fällt Ihnen eine Alltagssituation ein, die illustriert, was damit gemeint ist?

Ein Amerikaner hat einmal über Sisu geschrieben, nachdem er Finnland besucht hatte. Er und sein finnischer Gastgeber bestellten sich im tiefen Winter ein Taxi. Doch das Taxi brachte sie versehentlich nicht an das eigentliche Ziel. Es stellte sich heraus, dass sie noch relativ weit marschieren würden. Der Amerikaner regte sich innerlich auf. Aber er beobachtete, dass sein Gastgeber weder aufgebracht noch unzufrieden war. Er entschuldigte sich auch nicht bei seinem amerikanischen Gast.

Der Finne schlug dem Amerikaner keine Alternativen vor, dachte vielleicht nicht einmal an sie. Stattdessen biss er die Zähne zusammen und marschierte durch den Schnee. Das wäre ein alltägliches Beispiel für Sisu. Aber Sisu ist nicht alltäglich. Dieser Meinung sind die meisten Finnen. Sie beziehen Sisu nicht auf kleine Unannehmlichkeiten – sondern auf Notlagen, Probleme und große Herausforderungen. All das, was uns den Boden unter den Füßen zu entziehen droht.

Was genau ist also Sisu?

Sisu beschreibt das unerwartete Durchhaltevermögen während einer Krise oder einer schwierigen Situation. Es ist jene Situation, in der wir glauben, wir seien am Ende – aber wir stellen fest: Wir haben mehr Kraft als gedacht und es geht vorwärts. Sisu ist vergleichbar mit dem, was William James, der Vater der Psychologie, als second wind – zweite Luft – beschrieben hat: dieser Extraschub an Kraft und Energie. Extremsportler kennen den körperlichen Extraschub Energie. Aber Sisu bezieht sich nicht nur auf physische, sondern auch psychische Stärke. Dagegen ist Sisu nicht als kognitive Fähigkeit zu begreifen, sondern als ein unerwartetes Arsenal an Kraft im Angesicht von Widrigkeiten.

Erlaubt uns diese Extrakraft, langfristige Ziele zu erreichen?

Bei Sisu geht es weniger um Langzeitziele. Sisu meint nicht das Durchhaltevermögen, das wir beispielsweise brauchen, um im Beruf vorwärtszukommen. Vielmehr bezieht es sich auf eine temporäre Herausforderung: die Notlage oder das...

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 7/2020: Persönlichkeit: Histrionisch
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