Was sehen Sie auf diesem Bild, Herr Hoffmann?

Angelehnt an den projektiven Test TAT zeigen wir prominenten Menschen jeden Monat ein Bild und bitten sie, die Szene zu deuten.

Die Illustration zeigt einen Teil des TAT.
Bilder erzählen Geschichten, und jede Geschichte erzählt etwas über den Menschen, der sie erzählt. Angelehnt an einen alten projektiven Test, den TAT, zeigen wir jeden Monat einer prominenten Persönlichkeit ein Bild und bitten sie, die Szene zu deuten. © Andrea Ventura

„Das ist eine Mutter-Sohn-Konstellation. Nach dem Tod des Vaters muss der Sohn seine alte Mutter in eine Situation der Obhut geben, vielleicht in ein Altenheim. Mag sein, dass er sie dort schon angemeldet hat, er hält sein Handy in der Hand. Da er zornig dreinschaut, hatte er offenbar nicht viel Erfolg mit seinem Plan. Die Mutter hält ein Tuch in den Händen, sicher trauert sie, aber das ist nicht der einzige Grund für ihre Abwesenheit. Sie lebt in ihrer eigenen Welt. Der Sohn muss die Lebensplanung der Mutter übernehmen, er fühlt sich verantwortlich. Aber er dringt nicht durch zu ihr, als würde ein Vorhang sie trennen. Er fühlt sich blockiert, und das stimmt ihn mürrisch und verzweifelt. Er ist auf ihre Kooperation angewiesen, doch es herrscht Sprachlosigkeit, und er weiß nicht, wie er den Konflikt lösen soll. Vielleicht war diese Distanz zwischen den beiden schon immer da.“

Was könnte Ihre Bildbeschreibung mit Ihnen persönlich zu tun haben?

„Diesen Konflikt hatte ich nicht, aber ich kenne den unsichtbaren Vorhang. Zwischen meiner Mutter und mir herrschte nach dem frühen Tod meines Vaters zwar keine Sprachlosigkeit, aber ein etwas maskenhafter Umgang. Wir spielten einander vor, dass wir uns verstünden. Dann hatte sie einen Schlaganfall, und meine Frau und ich brachten sie in einer sehr guten Pflege-einrichtung unter. Nach dem Hirnschlag konnte meine Mutter kaum noch sprechen, doch seltsamerweise war meine Kommunikation mit ihr nun viel besser als vorher. Ich habe oft gesungen, wenn ich sie besuchte. Sie schwieg, lauschte und lachte mich fortwährend an. Sie war das junge Mädchen und ich der große Sohn. Das tat mir sehr gut. Es war die beste Zeit, die wir miteinander verbracht haben.“

Klaus Hoffmann ist Sänger, Schauspieler und Autor. Jüngst erschien sein neues Album Septemberherz

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 2/2021: Raus aus alten Mustern
Psychologie Heute Compact 66: Meine Wohnung und ich
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