Was sehen Sie hier, Esther Schweins?

Angelehnt an den projektiven Test TAT zeigen wir prominenten Menschen jeden Monat ein Bild und bitten sie, die Szene zu deuten.

Die Illustration zeigt eine Szene aus dem TAT.
Illustration: Andrea Ventura © TAT

„Die Hochzeitsgesellschaft auf der Terrasse folgt dichtgedrängt dem traditionellen Anschneiden der Hochzeits­torte durch die Brautleute, als zweien der vier Brautjungfern die Abwesenheit der beiden Blumenkinder auffällt. Die beiden Brautjungfern, Schwester und Cousine der Braut, hatten zugestimmt, auf die Drei- und den Vierjährigen achtzuhaben. Es sind die Tochter und der Sohn des Trauzeugenpaares.

Die jungen Frauen suchen die Terrasse ab, blicken hinter Blumenkübel, unter Tische, Bänke, das Bühnenpodest. Bei ihren Eltern sind die Kinder nicht. Nicht bei den Großeltern. Sind sie in die Küche gelaufen? Nein. Hat einer der Kellner die Kinder gesehen? Vor zwanzig Minuten vielleicht, oben an der Treppe, die zum Strand führt. Die beiden Frauen laufen los, die Treppe hinunter. Haben der feine Sand, die Wellen zu einladend auf die beiden Stadtkinder gewirkt?

Sie hatten den Kleinen von dem Krabbenfelsen erzählt, an dem sich bei Flut die Wellen brechen. Sie hatten ihnen nicht erzählt, dass das aufgewühlte Meer an Tagen wie diesem genug Kraft aufbrachte, um einen erwachsenen Mann mit sich zu reißen. Es ist diese Sorge, die die beiden jungen Frauen die Röcke ihrer Kleider raffen und durch den Sand hasten lässt. Die Schwester der Braut, vorwegeilend, ist sich fast sicher, dass der Hochzeitstag ein dunkler Tag in der Familiengeschichte sein wird. Doch ihrer Cousine ist das Bootshäuschen, das vor dem Krabbenfelsen verwittert am Strand liegt, in den Sinn gekommen. So viel Interessantes gab es darin. Das alte Boot, Netze, Taue, bunte Bojen. Dort konnten die Kinder sein, dort mussten sie sein …“

Was könnte Ihre Bildbeschreibung mit Ihnen persönlich zu tun haben?

„Warum ich beim Betrachten eines Bildes, das hohe, schäumende Wellen und zwei besorgt dreinblickende, rennende Frauen zeigt, Kinder in Gefahr wähne? Wohl weil ich Mutter bin, den Kindern meine erste Sorge gilt, ich mich oft im Zusammenhang mit Wasser, dem Meer und weitläufigem Strand um Tochter und Sohn gesorgt habe und die beiden – obwohl sie gute Schwimmer sind – lieber im Auge behalte.“

Esther Schweins spielte in mehr als 40 Film- und Fernsehproduktionen. Sie ist als Kriminalpsychologin in der ZDF-­Serie Blutige Anfänger und als Staatsanwältin in der ARD-­Reihe Die Kanzlei zu sehen

Artikel zum Thema
Beziehung
Traditionelle Hochzeitsriten liegen wieder im Trend. Ist dies ein Rückfall in alte Geschlechterrollen - oder ein Ausdruck von Emanzipation?
Gesundheit
Geschichten sind mehr als nur unterhaltsam: Indem wir unser Leben erzählen, geben wir ihm Form und Sinn – und fühlen uns bei uns selbst zu Hause.
Gesellschaft
In den 60er und 70er Jahren brachten Forscher talentierten Schimpansen und Gorillas das "Sprechen" bei. Doch das Schicksal der Helden war oft tragisch.
Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 1/2021: Sehnsucht nach Verbundenheit
Psychologie Heute Compact 64: Trauer und Verlust
file_download print

Die Redaktion empfiehlt

Leben
Selbstunsicher, bindungsängstlich, überfordernd: Viele Menschen stecken von Kindheit an in einem Schema fest. Wie entkommt man der Falle?
Beziehung
Zweifel an der eigenen Beziehung sind eine große Belastung – für den Partner und insbesondere den Betroffenen.
Familie
Wie reagieren Kinder und Jugendliche auf Corona? Im Interview spricht eine Expertin über typische Symptome – zum Beispiel Zwänge. ​