„Der Kampf gegen den Bedeutungsverlust“

Reichsbürger negieren das Land, in dem sie leben. Kriminalpsychologe Jan-Gerrit Keil erklärt im Interview, was tatsächlich hinter der politischen Ideologie steht.

Ein Reichsbürger trägt auf einer Demonstration am Brandenburger Tor eine gelbe Weste mit Deutschland-Symbol und zwei Flaggen
Am Brandenburger Tor versammeln sich wöchentlich Reichsbürger mit ihren Flaggen. © imago images/snapshot

Herr Keil, weshalb beschäftigen Sie sich als Psychologe mit den Reichsbürgern?

In Brandenburg gab es 2013 einen Fall, bei dem sich ein Reichsbürger das Leben nahm. In seinem Abschiedsbrief behauptete er, dass er nun eine Zeitreise durch die Matrix mache und in Gestalt eines NS-Soldaten ins „Dritte Reich“ gehe, um dort den Gang der Geschichte zu beeinflussen. Die Polizeibeamten, die mit dem Fall betraut waren, glaubten, dass da mehr dahintersteckte als eine politische Ideologie. Ich wurde gebeten, das aufzuarbeiten, und habe mich damals das erste Mal ausführlich mit einer Biografie eines Reichsbürgers befasst.

Was ergab Ihre Analyse?

Dieser Reichsbürger war psychisch erkrankt, er hatte eine wahnhafte Störung entwickelt, wie auch frühere Akten von einem Klinikaufenthalt ergaben. Die Erkrankung hat ihn bis in den Suizid getrieben.

Ist das denn ein typischer Fall, ein wahnhafter Reichsbürger?

Nein, dieser Fall war besonders. Bei meiner Arbeit für die Abteilung polizeilicher Staatsschutz des Landes Brandenburg treffe ich des öfteren auf sogenannte Reichsbürger, also auf Personen, die die Bundesrepublik Deutschland nicht anerkennen, die als Vielschreiber versuchen, Behörden lahmzulegen, Steuern verweigern, Fantasiedokumente als Ausweise bei sich tragen. Aber man kann nicht sagen, dass alle wahnhaft krank sind. Wir haben es mit einer sehr gemischten Klientel zu tun, in der sehr unterschiedliche Motive auftreten, warum sie dieser Personengruppe angehören. Die einen vertreten schlichtweg die politische Ideologie, dass die Bundesrepublik Deutschland als solche nicht existiere, sondern zum Beispiel eine Firma sei, die seit dem Zweiten Weltkrieg von den ehemaligen Besatzungsmächten geleitet werde. Sie sind Querulanten, haben aber keine wahnhafte Störung. Bei ihnen nimmt die Identität als Reichsbürger aber im Sinne einer überwertigen Idee sehr viel Raum im Leben ein.

Und die anderen?

Es gibt Milieumanager, die dieser Klientel ihre Ausweise verkaufen, gegen Geld dubiose Hilfsangebote und Schulungen unterbreiten und Internetplattformen zur Verbreitung der Reichsbürgerideen zur Verfügung stellen. Dann gibt es Trittbrettfahrer, die ganz genau wissen, dass es...

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 12/2020: So gelingt Entspannung
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