Sieh’s doch mal romantisch

Wie sollen wir uns in der Welt zu Hause fühlen, wenn wir sie bloß distanziert betrachten? Über das tiefe Bedürfnis, berührt und erstaunt zu werden.

Die Illustration zeigt einen großen Mann aus romantischem Blumendekor in einer Sternennacht, davor eine Treppe auf der die Menschen inspiriert zum romantischen Mann gehen
Die Bewegung der Romantik vertrat Ideen, die auch heute noch für das gute Leben essentiell sind. © Natalia Bzdak

Schläft ein Lied in allen Dingen

die da träumen fort und fort

und die Welt hebt an zu singen

triffst du nur das Zauberwort

Joseph Freiherr von Eichendorff, 1835

Vielleicht kommt Ihnen die folgende Erfahrung vertraut vor: Man führt ein aktives und erfolgreiches Leben, funktioniert dabei hocheffizient, hat alles im Griff, doch gleichzeitig beschleicht einen das Gefühl, von nichts mehr wirklich berührt, von der Welt nicht mehr angesprochen zu werden. In aller Geschäftigkeit, im Verfolgen unserer persönlichen und beruflichen Ziele kann die Realität uns stumm werden, und zwar gerade dann, wenn wir sie nur noch als den Raum wahrnehmen, in dem wir erfolgreich unsere Zwecke verwirklichen. Ein gutes und gelingendes Leben lässt sich nicht allein auf Erfolg bauen, es erfordert Weltbeziehungen ganz anderer Art: solche, in denen uns die Dinge nicht allein als nützlich, sondern auch als bedeutsam erscheinen.

Reine Rationalität lässt die Weltbeziehung verkümmern

Und genau an dieser Stelle kommt die romantische Bewegung ins Spiel, die in Deutschland und vielen anderen europäischen Ländern die ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts prägte. Autoren wie Friedrich von Schlegel, Ludwig Tieck, Novalis, E.T.A. Hoffmann, Clemens Brentano und eben Eichendorff waren sich bei allen Unterschieden darin einig, dass ein nur auf rationale Kontrolle eingestelltes Verhältnis zur Realität unsere Weltbeziehungen verkümmern lässt. Daher rührt ihre Vorliebe für das Wunderbare, Wunderliche und Imaginäre, für ungebändigte Natur, unauslotbare Gefühle und auch für die dunklen, nächtlichen Seiten der Wirklichkeit.

Den Romantikern ging es darum, das eigene Ich, die anderen und die Natur in ihrer Tiefe und Fülle an Sinn zu erfahren. Das Singen der Welt, das Joseph von Eichendorff in seinem bekannten Gedicht beschwört, steht für eine Wirklichkeit, in der Mensch und Natur einander nicht mehr fremd…

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 11/2019: Mut zur Angst
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