Der amphibische Neurologe

Lawrence Weschlers Biografie über Oliver Sacks erzählt von einem extremen Leben.

Lawrence Weschler hatte einen verdammt schweren Job zu erledigen. Wobei „erledigen“ nicht das richtige Wort ist, denn er musste sein Projekt, das er mit Herzblut begonnen hatte, unterbrechen. 40 Jahre später folgte die Vollendung. Die Rede ist von der Biografie des wahrscheinlich berühmtesten Neurologen und Psychiaters der Welt: Oliver Sacks. Der war zunächst einverstanden, dass der Journalist sein Leben aufschrieb, dann wollte er es doch nicht mehr. Erst auf dem Totenbett – mit über 80 Jahren und krebskrank – „befahl“ er dem Autor, sich wieder ans Werk zu machen.

War Oliver Sacks eine Diva? Nein, war er nicht, die Sache ist komplizierter, und schon sind wir mitten im Buch. Wir lesen von einem Mann, der auf dem Motorrad im Geschwindigkeitsrausch durch Amerika raste, der die kalifornische Meisterschaft im Gewichtheben gewann, der lebensbedrohlich drogenabhängig war und an depressiven Schreibblockaden litt.

Wir begleiten einen Mann, der an 300 Tagen im Jahr in den botanischen Garten ging, weil er Farne liebte, der vom Essen besessen war und vom Schwimmen. Mindestens zehn Kilometer am Tag pflügte er durchs Wasser, gerne auch in stockdunkler Nacht. Kein Wunder, dass Sacks, der sich für „amphibisch“ hielt, sein Traumhaus auf City Island, New York beim Schwimmen entdeckte und, eine Tropfenspur hinterlassend, ins Maklerbüro eilte, um es mit nichts als der Badehose bekleidet zu kaufen.

Wir lernen seine jüdische Familie kennen und die Mutter, eine erfolgreiche Chirurgin in London, die abends missgebildete Embryonen in Gläsern nach Hause schleppte. Als sie von Olivers Schwulsein erfuhr, stieß sie stundenlang alttestamentliche Flüche aus, schwieg daraufhin drei Tage, um dann im ganzen Leben nie wieder darüber zu sprechen. So flüchtete Sacks nach Kalifornien, führte ein Leben in Geheimhaltung und beschloss nach kurzen Affären ein zölibatäres Leben – bis er 75 war, da traf er endlich seine Lebensliebe.

Lawrence Weschler protokollierte ab 1981 Patientengespräche von Oliver Sacks, führte mit dessen Kolleginnen und Freunden Interviews, begleitete ihn auf Reisen. Im Buch präsentiert er nun viele dieser Protokolle und Gesprächsnotizen. Das hat den Reiz der Unmittelbarkeit durch O-Töne, aber auch erhebliche Schwächen: Es wurde ein Flickenteppich mit zu vielen Flicken und Fransen – und ist dennoch eine enorme Fundgrube.

Dass Sacks es damals nicht aushalten konnte, sein Leben öffentlich ausgebreitet zu sehen, verwundert nicht. Homophobie konnte Karrieren zerstören, Lebenskrisen galten als Schwäche. Ohnehin wurde er von der Fachwelt angefeindet und als Romantiker abgestempelt, weil er sich weigerte, Patientinnen und Patienten in „physiologische Stücke zu zerteilen“. Oliver Sacks hasste Kurven und Tabellen, er wollte „den Seelen ihre Chance geben“ und tanzte, spielte und sang mit seinen Kranken, statt nur geschädigte Hirne zu durchleuchten.

Ilona Jerger

Lawrence Weschler: Oliver Sacks. Ein persönliches Porträt. Aus dem Englischen von Hainer Kober. Rowohlt, Hamburg 2021, 480 S., € 25,–

„Ich beschloss, mein Sexualleben zu beenden und meinen Drogenkonsum und dessen tiefer liegende Ursachen in den Griff zu bekommen“

Oliver Sacks

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