Über die ambivalente Geschichte der Psychoanalyse

Der Soziologe Michael Schröter hat ein Buch über die Geschichte der Psychoanalyse in Deutschland geschrieben. Eine Rezension von Wolfang Schmidbauer.

Die deutsche Sprache war Sigmund Freuds geistige Heimat, er liebte die deutschen Dichter von Goethe und Schiller bis Heinrich Heine, er verfolgte im Krieg zwischen Deutschland und Frankreich im Jahr 1870 mit eindeutiger Überzeugung den Sieg „seiner“ Landsleute. Und Deutschland wurde die Nation, die 1933 seine Bücher verbrannte, ihn „seelenzersetzend“ nannte, seine Anhängerinnen und Anhänger ausbürgerte und den in aller Welt gefeierten Begründer der Psychoanalyse 1938 ins Exil trieb.

Von der Schweiz aus eroberte die Psychoanalyse Anfang des 20. Jahrhunderts Deutschland, vor allem Berlin, wo das erste und international richtungsweisende psychoanalytische Ausbildungsinstitut von zwei früheren Mitarbeitern des Zürcher Burghölzli, Franz Abraham und Max Eitington, gegründet wurde.

Bisher ist die Geschichte der Psychoanalyse vorwiegend von Analytikern und Analytikerinnen geschrieben worden. Zu ihren Überlieferungen, die man nach Michael Schröters detailreicher Forschung getrost Mythen nennen kann, gehört die Ablehnung von Freuds Forschungen durch eine durchgängig feindliche, in sexuellen Fragen verlogene und antisemitisch eingestellte akademische Welt in Deutschland. Sie zwang die Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytiker, nur noch in ihren eigenen Organisationen zu diskutieren und auch eine eigene Ausbildung außerhalb der Universitäten aufzubauen.

Die Psychoanalyse aus ihrem Opferstatus befreien

Schröter ist von Haus aus Soziologe und einer der besten Kenner der Quellen zur Rezeptionsgeschichte der Psychoanalyse im deutschsprachigen Raum. Er entwirft ein viel differenzierteres Bild, in dem nicht nur die wissenschaftliche Öffentlichkeit in Deutschland vor 1945 nuancierter auftritt, sondern auch die Psychoanalyse ihren Opferstatus verliert.

Schröter fasst es so zusammen: „Viele Einwände der Kritiker aber, etwa gegen die Unüberprüfbarkeit psychoanalytischer Thesen, die Monomanie des Suchens nach sexuellen Motiven oder die Willkür von Symboldeutungen, waren wohlbegründet; zum Teil benannten sie Probleme, die bis heute ungelöst sind. Und anders als ein verbreitetes Narrativ es will, war die Ablehnung durch die Fachwelt auch keineswegs einhellig. Eine ganze Gruppe vor allem von psychotherapeutischen Praktikern legte sich nicht auf ein Pro oder Contra fest, sondern bemühte sich um einen abgewogenen Mittelweg. Das polarisierte Bild der damaligen Rezeption, das auf Freud selbst zurückgeht, wird weder der tatsächlichen Diskussion gerecht, noch berücksichtigt es den eigenen Beitrag der Psychoanalytiker zu dem Widerstand, der ihnen entgegenschlug.“

Gegenwärtig kehrt die Psychotherapie-Ausbildung an die Universitäten zurück. So sind die Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytiker gefordert, über Schulgrenzen hinweg nach Kooperationspartnern zu suchen. Schröters kundige und sehr anschaulich geschriebene Arbeit kann ein Wegweiser sein, um aus der Vergangenheit hilfreiches Wissen zu ziehen und Probleme der Gegenwart besser zu verstehen.

Wolfgang Schmidbauer

Michael Schröter: Auf eigenem Weg. Geschichte der Psychoanalyse in Deutschland bis 1945. Vandenhoeck & Ruprecht 2023, 856 S., € 60,–

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