Über früher

Historikerin Annette Kehnel spürt den Gründen nach, warum wir das Vergangene mal nostalgisch verklären, mal schablonenhaft dämonisieren.

Die Historikerin Annette Kehnel steht an einem Säuleneingang an einem alten Gebäude und lächelt
Nostalgie ist wichtig. Erinnerung an früher hilft uns, Durststrecken zu überwinden. © Andreas Reeg

Um fünf Uhr früh, als es noch dunkel war, brachen wir auf. Regelmäßig, einmal im Jahr, am Ersten Mai. Schlichen leise aus dem Haus, vorbei an Rathaus und Dorfbäckerei. Vorbei an Kindergarten und Friedhof, vom Hugsbrunnen hinauf zu den alten Kirschbäumen auf dem Zimmerplatz und von dort in den Wald, der uns in seinem morgengrauen Mantel willkommen hieß. Über den Teppich aus holprigen Zweigen, Moos und Steinen, auf We­gen mit Namen wie Buhloch, Steckhalde oder Ehrlinshardt immer weiter Richtung Maiglöckchen, dorthin, wo meine Mutter zu Hause war.

Denn im Grunde, so denke ich jetzt häufig, war sie ein Waldkind. Und einmal im Jahr hat sie uns ihr Zuhause gezeigt. Führte uns an den Ort, wo die Hasen Kaffee kochten, zeigte uns die verborgenen Höhlen der Mooswichtel, lauschte dem Frühlingsruf des Kuckucks und ließ uns die ersten Maiglöckchen finden. Ich habe das geliebt. Es war so anders als der Alltag. Wir Kinder und unsere Mutter, so vertraut und so früh unterwegs, so abenteuerlich, immer ein bisschen unheimlich. Unheimlich und schön.

Ernüchterndes Erwachen

Allerdings musste ich im vergangenen Sommer eine verstörende Entdeckung machen. Denn als wir am 85. Geburtstag meiner Mutter in der Geschwisterrunde von früher erzählten, fing ich an, von diesen Maiwanderungen zu schwärmen. Das Dumme nur: Keiner konnte sich daran erinnern. Keiner außer mir. Nicht mal meine Mutter. Kann schon sein – waren sich alle einig –, dass wir vielleicht einmal an einem Ersten Mai frühmorgens in den Wald sind, aber sicherlich nicht regelmäßig. Ich war offensichtlich die Einzige, die daraus eine Familientradition gemacht hatte.

Ein ernüchterndes Erwachen. Da hatte ich mir offenbar meine eigene schöne Kindheitserinnerung zurechtgelegt. Mich darin eingenistet. Mir die Familienidylle einer traditionellen Maiwanderung zusammengebaut. Und wenn sie nicht gestorben wäre, diese Geschichte, dann lebte sie noch heute.

Warum…

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 4/2022: Das Leben leicht machen
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