Wie blind kann Gehorsam sein?

Nach dem Zweiten Weltkrieg suchten Psychologen nach Erklärungen für den Holocaust. Haben ihre weltberühmten Experimente heute noch Gültigkeit?

Soldaten im zweiten Weltkrieg halten ihre Waffen auf ein Ziel gerichtet
Warum folgen Menschen Mordbefehlen, wieso hatten die Nazis so viele Mitläufer? © Artsiom Malashenko/Getty Images

Adolf Eichmann handelte nur, wie ihm aufgetragen wurde. Er war ein Bürokrat, der sorgfältig seine Aufgaben erledigte. War der Mann, der die Deportation und Ermordung von mehreren Millionen Juden unter Adolf Hitler maßgeblich vorantrieb, kein psychopathisches Monster, sondern Opfer seines Gehorsams?

Das Bild vom wehrlosen Untertan leiteten Forscher aus den weltberühmten Experimenten von Stanley Milgram und Philip Zimbardo ab. Die beiden amerikanischen Psychologen hatten in den 1960er und 1970er Jahren gezeigt, wie unauffällige Bürger zu Folterknechten und Mördern werden können. Sie folgten einfach nur blind Anweisungen und Regeln, so die Schlussfolgerung.

Doch die Unterwerfung und blinde Tyrannei, wie sie Milgram und Zimbardo untersucht haben, gebe es in der Form nicht, sagen Forscher heute. Auch frühere Erkenntnisse zum Mitläufertum und zur Entstehung von Antipathie und Hass zwischen zwei Gruppen scheinen aus moderner Perspektive fragwürdig. Das zumindest zeigt das Buch Social Psychology – Revisiting The Classic Studies, das Joanne Smith und Alexander Haslam herausgegeben haben. Darin interpretieren namhafte Sozialpsychologen von heute die Studien von damals neu.

Tödliche Elektroschocks auf Anweisung

Viele Sozialpsychologen suchten in der Nachkriegszeit nach Erklärungen. Warum konnte Nazideutschland überhaupt entstehen? Wie konnten Menschen andere Menschen diskriminieren, ausgrenzen, wegsperren, foltern und ermorden? Und weshalb schauten so viele dabei zu? „Diese Fragen waren…

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