„Jedem Anfangsverdacht nachgehen“

Trotz sexueller Übergriffe auf Patienten wurde ein Psychotherapeut gedeckt. Dietrich Munz, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer, im Interview.

„Jedem Anfangsverdacht nachgehen“

Herr Dr. Munz, sexuelle Übergriffe in einer Psychotherapie haben wenig bis nichts mit einer normalen Verliebtheit zu tun, auch wenn es sich um Einvernehmen zu handeln scheint. Wie häufig kommt es zu Missbrauchsfällen?

Das ist natürlich schwierig zu beziffern, zumal man von einer relativ hohen Dunkelziffer ausgehen muss. Nach einer Studie im Auftrag des Bundesfamilienministeriums wird die Zahl sexueller Übergriffe in der Psychotherapie auf 300 bis 600 jährlich geschätzt. Aufgrund der inzwischen gestiegenen Zahl an psychotherapeutischen Behandlungen dürfte sich diese Zahl vermutlich noch erhöht haben. Es kommt auch heute noch viel zu häufig zu sexuellen Übergriffen in der Therapie. Das ist natürlich indiskutabel.

Meistens wird bei diesem Thema über ambulante Psychotherapien geredet. Wie sieht es in Kliniken aus, insbesondere bei langen Klinikaufenthalten?

Tatsächlich dürften Übergriffe häufiger in ambulanten Therapien vorkommen, aber sexuelle Übergriffe finden auch in Kliniken statt. In Kliniken ist die soziale Kontrolle größer, zum Beispiel dadurch, dass die Klientinnen und Klienten eher mit anderen darüber reden oder sich auch anderen Therapeuten gegenüber ausdrücken können. Das Klinikpersonal wird deshalb zurückhaltender sein, weil ein Übergriff nicht so leicht zu verheimlichen ist. Übrigens betrifft das auch das Pflegepersonal, das ja häufig über den Tag hinweg eine sehr enge Zusammenarbeit mit den Klientinnen und Klienten hat.

Wie kommt es in einer Psychotherapie zu Übergriffen?

Die Übergriffe resultieren aus der sehr speziellen Form der psychotherapeutischen Beziehung und der damit verbundenen Nähe. Viele Klientinnen und Klienten bringen zunächst einmal hohe emotionale Bedürfnisse mit in die Therapie, die im Laufe der Zeit auch immer offener zur Sprache kommen. Diese Gefühle und die dahinterliegenden Bedürfnisse müssen aber psychotherapeutisch bearbeitet werden und dürfen nicht durch den Therapeuten ausgenutzt werden, indem er sexuell übergriffig wird. Das gilt besonders auch dann, wenn die Klientin zustimmen würde.

Hier müssen wir also sehr genau differenzieren, dass das Gefühl des Verliebtseins aufseiten der Klientin oft vor dem beschriebenen Hintergrund psychischer Bedürftigkeit entsteht, das psychotherapeutisch bearbeitet werden muss, aber nicht ausagiert werden darf.

Es gehört zum Kern aller therapeutischen Schulen, mit Emotionen zu arbeiten, sie also auch in einer Offenheit anzusprechen, die sich viele Menschen im Alltag gar nicht trauen. Ist es nicht naheliegend, dass dann auch sexuelle Gefühle und Bedürfnisse im Raum stehen?

Ja, in einer Psychotherapie soll möglichst offen über alles gesprochen werden, auch über das, was sich an Gefühlen zwischen Klient und Therapeut abspielt. Das kann beispielsweise ein Liebesgefühl der Klientin gegenüber dem Therapeuten sein, was erst einmal gar nichts Negatives ist, weil es für die Beziehungsqualität sprechen kann. Dieses Vertrauen dem Therapeuten gegenüber sollte aber therapeutisch genutzt werden, um zu bearbeiten, was die darin verborgenen Wünsche und Bedürfnisse betrifft. So etwas auszudrücken darf niemals als „Einladung“ für sexuelle Handlungen an den Therapeuten verstanden oder interpretiert werden.

Was ist denn ein professioneller Umgang mit so einer Situation, besonders dann, wenn der Therapeut merkt, er verliert zunehmend die Distanz?

Der Therapeut sollte seine Behandlung immer selbstkritisch beobachten und auf Veränderungen achten, zum Beispiel ob er die Stunden überzieht oder in der Therapie über eigene Probleme zu reden beginnt. Dann ist es dringend geboten, dass sich der Therapeut eine Supervision holt und die Situation dort auch bespricht. So kann man gemeinsam überlegen, wie sich die Situation weiterhin in der Therapie bearbeiten lässt. Leider wissen wir, dass sich Therapeuten, die zu Übergriffen neigen, gerade keine kollegiale Hilfe suchen. Sich in schwierigen therapeutischen Situationen aber selbst Hilfe zu holen ist ein Merkmal von Qualität und Qualitätssicherung in der Psychotherapie.

Rund 90 Prozent der Übergriffe gehen von Männern aus. Was macht Männer so anfällig für übergriffiges Verhalten Klientinnen gegenüber?

Das ist ja eine generelle Beobachtung bei sexuellen Übergriffen, so auch in der Psychotherapie und anderen helfenden Berufen. Bestimmte Männer tun sich schwer, ihre sexuellen Bedürfnisse zu kontrollieren, und neigen dazu, die Wünsche der Klientinnen nicht therapeutisch zu bearbeiten, sondern zur Befriedigung eigener Bedürfnisse zu missbrauchen.

Untersuchungen zeigen auch, dass diese übergriffigen Männer sehr stark eine eigene emotionale Bedürftigkeit ausdrücken – gehört diese in eine Psychotherapie?

Viele dieser Psychotherapeuten haben selbst unbewältigte Wünsche nach Nähe, nach Zuwendung oder nach Selbstwerterleben. Andere neigen zu Selbstüberschätzungen und halten sich für zu „wichtig“ für die Klienten. Es handelt sich dabei um Fehleinschätzungen der eigenen Person, manchmal auch um Größenfantasien, auch in dem Sinne, dass sie meinen, die Klientin durch „bessere Sexualität“ mit ihnen „heilen“ zu können.

Es soll auch einen großen Anteil von Männern geben, die sich nicht nur einmal übergriffig verhalten und die Kontrolle verlieren, sondern immer wieder. Stimmt das?

Das zeigt sich in der Tat immer wieder, das können wir von den Kammern aus bestätigen. Dieser Anteil eines wiederholten Missbrauchs ist groß.

Wenn nun eine Klientin merkt, der Therapeut macht ihr eindeutige oder sogar anzügliche Avancen, was sollte sie tun?

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