Nicht einfach nur schüchtern

Autismus bei Frauen: Häufig übersehen. Autismus wird bei Frauen und Mädchen oft erst spät erkannt. Ein Grund: Sie verbergen ihre Probleme besser.

Die Illustration zeigt eine Frau, die schüchtern in einer Meeresmuschel sitzt
Viele Frauen mit Autismus entwickeln Strategien, um nicht aufzufallen. © Alice Wellinger

Von außen betrachtet, scheint alles in Ordnung zu sein. Gee Vero ist eine erfolgreiche Künstlerin und Autorin. Mit ihrer Familie lebt sie in der Nähe von Leipzig. Aber Vero hat immer gewusst, dass mit ihr etwas nicht stimmt. Erst ihr Sohn brachte sie dazu, sich auf die Suche nach den Ursachen für ihr Anderssein zu machen. Der kleine Elijah entwickelte sich zunächst normal, bis er 15 Monate alt war. Dann kippte etwas.

Sein Blick ging nach innen, und das meiste, was er bisher gelernt hatte, verlor sich innerhalb einer Woche. „Er hat dann Sachen gemacht, die ich aus meiner Kindheit kannte. Er hat immer wieder einen Löffel hin- und hergedreht oder es nicht ausgehalten, wenn nicht alles fest geregelt war, wenn zum Beispiel das Mittagessen nicht pünktlich um 12 Uhr auf dem Tisch stand“, erzählt Vero. Elijah wurde für sie zum Spiegelbild, in dem sie sich zum Teil wiedererkannte. Im Alter von drei Jahren erhielt der Junge die Diagnose frühkindlicher Autismus – seine Mutter mit 37 Jahren verspätet die Diagnose Aspergerautismus.

Autismus ist eine Entwicklungsstörung. Die Betroffenen haben Schwierigkeiten im Umgang und in der Kommunikation mit anderen Menschen. Typisch ist auch ein stereotypes oder repetitives Verhalten, also strikte Routinen und bestimmte Bewegungen, die immer wieder ausgeführt werden. Zudem beschäftigen sich viele Autisten sehr intensiv mit Spezialthemen. Manche kennen zum Beispiel die Baujahre aller Güterzüge, andere führen Buch darüber, wie viele Stände die Flohmärkte ihrer Stadt aufweisen.

Signale mühsam erlernen

Autistischen Menschen fehlt, wie die Psychologen Uta Frith, Simon Baron-Cohen und Alan Leslie 1985 entdeckten, das Konzept der sogenannten Theory of Mind. Im Deutschen wird dafür auch der Begriff Mentalisieren benutzt. Die Bezeichnungen stehen für die…

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 12/2021: Gelassen durch ungewisse Zeiten
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