Das Gefühlschaos bändigen

Ritzen, Wutausbrüche, dramatische Hassliebe: Menschen mit Borderline galten lange Zeit als kaum therapierbar. Das hat sich geändert.

Die Illustration zeigt eine Frau mit Zeichnungen im Gesicht, die ihre vielen Gefühle zeigen
Menschen mit Borderline lesen in Gesichtern oft Wut oder Ablehnung. © Marco Wagner

Es heißt, dass Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung neunmal so intensiv fühlen wie andere Menschen. Neunmal so starke Angst, neunmal so starke Wut, neunmal so starke Traurigkeit. Schon kleine Dinge können einen Sturm auslösen. Die Gefühle rollen in solchen Momente über sie hinweg „wie eine große Welle“, meint Katrin Zeddies. Als sie jünger war, reichte eine kleine Bemerkung von ihrem Freund, um einen heftigen Streit auszulösen: „Es ist keine Abgrenzung vom Gegenüber möglich. Man fühlt mit voller Wucht, was der andere sagt.“

Schon die kleinste Kritik klang in ihren Ohren wie eine unerträgliche Beleidigung und eine Abwertung der ganzen Person. Entsprechend heftig war ihre Reaktion: „Ich bin gleich in den Gegenangriff gegangen, mit Fäkalsprache und allem. Für mich war damit alles aus. Ich habe ihn angeschrien, dass ich jetzt gehen und mich erschießen werde. Und das habe ich wirklich ernst gemeint.“

In der Gesamtbevölkerung sind schätzungsweise ein bis zwei Prozent von Borderline betroffen, unter Jugendlichen ist der Anteil noch doppelt so hoch. Tatsächlich bricht die Erkrankung häufig um das 14. Lebensjahr aus. Rund drei Viertel der Patienten in Behandlung sind weiblich. Man geht davon aus, dass männliche Betroffene sich seltener professionelle Hilfe suchen und sich die Störung bei ihnen eher in Drogenmissbrauch und aggressivem Verhalten äußert.

Süchtig nach Hautaufritzen

Die Störung der Emotionsregulation gilt mittlerweile als Kern der Erkrankung. Die Gefühle sind besonders stark, können sehr leicht ausgelöst werden, bleiben lange bestehen und überlagern sich. Betroffene erleben dies als enorme innere Anspannung – das…

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 1/2022: Stille Aufträge
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