Vom Wunsch, gesucht zu werden

Therapiestunde: In der Akutstation für Psychosen fasst der 21-jährige Nico Vertrauen zu einem Psychologiestudenten.

Ein junger Mann hält sich einen kleinen blauen Teppich vor das Gesicht, aus dem er ängstlich hervorschaut
Nico prüft mit kleinen Tests, ob er seinen Mitmenschen wichtig genug ist, dass sie ihn suchen kommen. © Michel Streich

Was mich an Nico berührt, ist seine Ambivalenz. Er ist da und doch nicht greifbar. Nachmittags meldet er sich zum Spaziergang, zehn Minuten später stehen alle vor der Tür, außer Nico. Sofort schwärmen die andere Praktikantin und ich aus, um ihn zu suchen. Das Nächstliegende ist natürlich sein Zimmer, doch als ich auf mein Klopfen keine Antwort bekomme und die Tür öffne, finde ich bloß ein ungemachtes Bett vor mit wahllos verstreuten Kleidern, wie von einem Flüchtigen hastig aus dem Schrank gerissen, und seinen Gebetsteppich, gen Mekka gerichtet.

Die tanzenden Vorhänge im offenen Fenster scheinen mir an Nicos statt zuzublinzeln – hat er mir wieder mal ein Schnippchen geschlagen!

Nachdem ich die Bäder und den Keller durchsucht habe, drehe ich noch eine Runde durch den Garten – keine Spur von ihm. Nun kann ich die anderen wirklich nicht mehr länger warten lassen, ich kehre um, als unversehens zwei Turnschuhe von oben in mein Blickfeld baumeln. Ich hebe den Kopf, und da sitzt Nico im Astwerk der Kastanie und schlenkert mit den Beinen, als wisse er von nichts. Wie ein Kind, das sich versteckt und mit klopfendem Herzen gehofft hat, man werde es suchen kommen.

Studienabbruch wegen Einweisung in Psychiatrie

Nico ist aber kein Kind mehr, sondern 21 Jahre alt und einer von zehn jungen Erwachsenen in der sozialpsychiatrischen Klinik für akute psychotische Krisen, in der ich mein Psychologiepraktikum absolviere. Nico hat Abitur, anschließend wählte er für ein Freiwilliges Soziales Jahr einen…

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 4/2022: Das Leben leicht machen
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