Die Depression, das Hirn und der Leerraum

Psychopharmaka haben Leben gerettet und Menschen aus Krisen geholfen. Doch Gesundwerden umfasst mehr als die Balance von Hirnbotenstoffen.

Die Illustration zeigt verschiedene Pillen und Psychopharmaka, die kunterbunt durcheinanderwirbeln, eine Therapeutenliege und Sofa, ein Gehirn und zwei Köpfe
© Christian Gralingen

Früh in meiner Ausbildungszeit wurde mir ein Mann überwiesen, den ich Zeke nennen will. Als ich mich in unserer ersten Sitzung anschickte, ein paar Details aus seinem Leben zu erfragen, unterbrach mich Zeke nach wenigen Minuten. Er bat mich, ihm ein neues Antidepressivum zu verschreiben, um, wie er es ausdrückte, „das chemische Ungleichgewicht“ in seinem Gehirn anzugehen.

Ich hatte in der Klinikambulanz noch nicht viele Patienten zu Gesicht bekommen. Zeke hingegen war, wie sich herausstellte, selbst ein routinierter Profi in Sachen psychischer Gesundheit. Er war Psychotherapeut. Ich stellte schnell fest, dass er, lange bevor er an mich geriet, in unserer kleinen Klinik über viele Jahre hinweg von Ärztin zu Arzt gezogen war, immer auf der Suche nach einer Pille oder einer Pillenkombination, die ihn endlich von seiner Depression und Angst heilen würde.

„Die Mittel wirken eine Zeitlang und dann nicht mehr“, sagte er. „Ich brauche nur etwas, das mir dieses Mal hilft – und anhält.“

„Welche Medikamente haben Sie genommen?“, fragte ich. Es ist ja bekannt, dass viele Patientinnen und Patienten während ihrer ersten Erfahrung mit einem Antidepressivum nicht auf den Wirkstoff ansprechen.

Der Patient will repariert werden

„Lassen Sie mich überlegen – Fluoxetin, Zoloft, Wellbutrin, Trazodon, Zolpidem“, sagte er mit ernster Miene. „Cibramil … Efexor. Es gab noch eine Handvoll anderer. Sie sollten da in ihrer Krankenakte aufgelistet sein.“

Tatsächlich, als ich seine…

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 8/2022: Frauen und ihre Mütter
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