Sei gnädig mit Dir!

Drei Bücher vermitteln auf unterschiedliche Weise, wie wir uns selbst lieben lernen können.

Sei gnädig mit dir!

Die Ursache vieler Probleme liegt in der mangelnden Liebe zu uns selbst. Das ist der Kerngedanke dreier Bücher, die auf sehr verschiedene Weise dazu anleiten, eine achtsame Haltung sich selbst gegenüber zu entwickeln

Von Angst, Orientierungslosigkeit, Neid und Hass geprägt, von Terror und Klimawandel bedroht, so wird unsere Gesellschaft von vielen Menschen inzwischen erlebt. Angesichts dieses Bedrohungspotenzials kann man sich fragen, wie wir noch ein halbwegs gutes Leben führen können. Vielleicht indem wir Selbstliebe entwickeln? Selbstliebe nicht im Sinne von Narzissmus oder Egoismus, sondern als achtsame, liebevolle Haltung uns selbst gegenüber. In diesem Sinne beschreiben Michael Tischinger, Helmut Kuntz und Michael Lehofer Selbstliebe als Weg und Methode, die es uns ermöglicht, unser Leben authentisch und verantwortungsbewusst zu gestalten.

Obwohl sich alle drei Autoren dem gleichen Thema widmen, wenden sich ihre Bücher durch teils unterschiedliche Konzepte von dem, was Selbstliebe bedeutet, und vor allem, wie sie zu erreichen ist, an verschiedene Adressatengruppen.

Tischinger beschwört in Selbstliebe ­geradezu enthusiastisch die transformierende Kraft von bedeutungsvollen Erlebnissen  –  im Leben und als Geschichten. Kuntz setzt ganz auf Meditation in Gib Deiner Seele Raum. Lehofer schließlich vertritt die Überzeugung, dass Selbstliebe zu entwickeln voraussetzt und bedeutet, sich selbst erst einmal kennenzulernen, und nennt sein Buch daher Mit mir sein.

Gegen die Selbstentfremdung

Tischinger, Theologe und als Psychologe Leiter einer psychosomatischen Klinik, entfaltet zu Beginn seines Buches ausführlich die Ursachen des verbreiteten Mangels an Selbstliebe. Er liegt ihm zufolge vor allem darin begründet, dass Eltern, Erzieher und das gesamte Umfeld Kindern allzu oft nicht mit Wertschätzung und Zuspruch begegnen, sondern mit ­Forderungen, Kritik und Vorwürfen. Überzeugt von der eigenen Mangelhaftigkeit, kommen sie gar nicht auf die Idee, sich an eigenen Impulsen und Bedürfnissen zu orientieren. So verlieren sie diese Bedürfnisse – und damit sich selbst – aus dem Blick.

Um dieser Prägung und der damit verbundenen Selbstentfremdung entgegenzutreten, empfiehlt Tischinger „heilsame und inspirierende Geschichten, die uns wieder für die Erfahrung des Wesentlichen öffnen und uns an unsere Ganzheit, unsere Integrität, unser wahres Sein erinnern“. Unterbrochen von theoretischen Exkursen, erzählt der Autor Erweckungsgeschichten, die in den Menschen, die sie erleben, eine spontane tiefe Einsicht erzeugen, die ihr Selbstbild und damit ihr ganzes Leben verändert.

Dass sinnfällige Erlebnisse und Geschichten eine lebensverändernde Wirkung haben können, steht außer Frage. Aber um die Arbeit mit solchen Geschichten als den Königs-„Weg der inneren Heilung“ vorzustellen, dafür muss man wohl tatsächlich glauben – in einem quasi religiösen Sinne. Haben sich doch in den meisten Fällen die zwiespältigen oder destruktiven Botschaften der frühen Jahre in uns mit Überlebensstrategien, Selbstbildern und Konzepten über „die Welt“ zu einer komplexen, stabilen und teils unbewussten Struktur verfestigt, die zu erkennen oder zu verändern es der beharrlichen, oft jahrelangen inneren Arbeit bedarf, die eine einzelne Geschichte nicht zu ersetzen vermag.

Hartnäckige Selbsterkundung

Schon eher vorstellbar ist, dass Selbstliebe und innere Ruhe mithilfe konsequenten und kundigen Meditierens erreicht werden können, wie der Familien-, Körper- und Suchttherapeut Helmut Kuntz vorschlägt. Allerdings nur für jene, die Zugang zu dieser spirituellen Praxis haben. Für sie sind die vom Autor ansprechend angeleiteten, teils auch als Audiodatei verfügbaren Meditationen, die größtenteils mit Lichtimaginationen arbeiten, sicher inspirierend, und für sie ist daher auch das Buch vermutlich ein Gewinn. Für alle Ungeschulten jedoch gilt, was der Autor selbst über die begrenzte Reichweite seiner Anregungen gegen Ende des Buches formuliert: „Viele heilsame Wege entziehen (…) sich der Anwendung in Eigenregie oder eröffnen sich nur über die Struktur einer Gruppe.“

Ein radikaler Aufruf zu Eigenregie und hartnäckiger Selbsterkundung sind die Überlegungen Michael Lehofers. Seiner Diagnose zufolge ist der zentrale Grund, warum wir nicht zu wirklicher, tragfähiger Selbstliebe gelangen, der, dass „wir fürchten, wir könnten die Selbstvorstellung, die wir für unser Ich halten, in Gefahr bringen“. Das vermeiden wir, „weil wir glauben, uns ständig stabilisieren zu müssen“. Wir übersehen, dass wir uns noch gar nicht kennen. Was wir kennen, ist nur die Summe der Konzepte, die wir uns zurechtgelegt haben, sind unser Ego und unsere Gewohnheiten.

Ermutigung, sich selbst lieben zu lernen

Lehofers Ausführungen sind klug, provozierend, von bestechender Klarheit und zugleich von Güte getragen. In seinen Analysen lässt er kein Schlupfloch für Ausflüchte oder (Selbst-)Betrug, und die 28 Ermutigungen, die er seinen Lesern an die Hand gibt, um sich selbst auf die Spur zu kommen und lieben zu lernen, haben es in sich. So zeigt er etwa im Kapitel über Selbstverantwortung auf, wie wir uns immer wieder als Opfer unseres eigenen Lebens inszenieren, ohne zu erkennen, dass wir zwar viel von Selbstbestimmung reden, aber nicht bereit sind, wirklich und radikal Verantwortung für unser Leben zu übernehmen. Weil wir uns dann uns selbst stellen und auch unbequeme Wahrheiten über uns selbst und unsere Lebenspraxis realisieren und anerkennen müssten.

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 12/2017: Beziehungsfähig!
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