Das Leben als Skizze

Sie soll etwas hermachen und perfekt sein – unsere Biografie. Oft aber blockieren wir uns gerade durch zu hohe Erwartungen, zu starre Vorstellungen und zu viel Perfektionismus. Die Lösung: Sehen wir das Leben als unfertigen Entwurf!

Das Leben als Skizze

Sie soll etwas hermachen und perfekt sein – unsere Biografie. Oft aber blockieren wir uns gerade durch zu hohe Erwartungen, zu starre Vorstellungen und zu viel Perfektionismus. Die Lösung: Sehen wir das Leben als unfertigen Entwurf!

Der Eiffelturm, die Mona Lisa, der Stabmixer in der Küche, sie alle haben eines gemeinsam: Am Anfang war die Skizze. Was immer Künstler, Architekten oder Ingenieure entwickeln, findet zum ersten Mal Niederschlag als Entwurf auf einem Stück Papier. Hier wird ein kreativer Gedanke erstmals materialisiert und in eine vorläufige Form gebracht. Die Details können später noch eingefügt und verändert werden. Und viele Skizzen sind bereits so virtuos, dass sie selbst als Kunstwerke in Museen hängen. Die wunderbaren Entwürfe der kürzlich verstorbenen Architektin Zaha Hadid beispielsweise sind im Besitz des New Yorker Museum of Modern Art. Und in Berlin widmet sich ein Museum ausschließlich der Architekturzeichnung, also den Entwürfen, nicht den fertigen Gebäuden.

Skizzen besitzen einen besonderen Charme. Sie sind intuitiv, vorläufig, ein erster Entwurf, ein Konzept. Aber sie enthalten bereits die Essenz, das Einmalige und Unverwechselbare der Idee und des späteren Werks. Formal und stilistisch sind sie nicht vollendet, bieten aber bereits ein enormes Potenzial als unmittelbarer Ausdruck und schnelle Gedächtnisstütze, auf die man später zurückgreifen kann. Skizzieren, das berichten Experten immer wieder, setzt Kreativität frei. Lässt sich diese Erfahrung auf die Lebensplanung übertragen? Können wir den eigenen Lebensentwurf als Skizze sehen, können wir darauf verzichten, nicht alles bis zum Ende durchzubuchstabieren und zu entscheiden? Sind wir fähig, das Leben nicht heute schon als fertiges Gemälde zu sehen, das bereits im Planungsstadium bis ins kleinste Detail vollendet sein muss, sondern als unfertigen Entwurf?

Ein Gedanke, der so gar nicht in die Zeit passt. Schlendert man in einer Buchhandlung an den Regalen mit Lebens-, Karriere- und Erfolgsratgebern vorbei, wird die Botschaft schnell deutlich: Alles kann, die richtige Planung und Kompetenz vorausgesetzt, perfekt ablaufen: Ausbildung, Job, Beziehung, Familie, Freundschaft. Expertise, Rat und Checklisten gibt es im Überfluss. Wem das nicht reicht, der kann zusätzlich Seminare buchen, Blogs verfolgen oder einen Coach engagieren. Kaum abzusehen, dass dieses Überangebot jemals wieder versiegen wird. Denn parallel zum Beratungsmarkt steigen auch die Erwartungen an ein gelingendes Leben immer weiter. Sie befeuern das Gefühl, man müsse nur an den richtigen Stellschrauben drehen, um einen sicheren Platz auf der Sonnenseite zu haben.

Es steht einem offen, alles ganz anders und viel besser zu machen als die eigenen Eltern

Dass wir daran glauben wollen, ist kein Wunder – möchte sich doch jeder im Alter einmal zurücklehnen und sagen können: „Ich habe vielleicht nicht alles, aber doch das Meiste richtig gemacht. Unterm Strich war es ein Erfolg.“ Und die Chancen dafür sind heute so gut wie nie, denn mit dem rasanten gesellschaftlichen Wandel der Moderne ist eine Enttraditionalisierung und Individualisierung verbunden. Lebensläufe sind nicht mehr vorgegeben. Man kann alles ganz anders und viel besser machen als die eigenen Eltern, als Schul- und Studienfreunde – und damit enormen Erfolg haben. Das Problem: So verheißungsvoll diese Freiheiten auf der einen Seite sind, so sehr kann der Druck andererseits in übertriebenem Perfektionismus münden. Zumal wir heute unser Leben wie nie zuvor mit anderen teilen, dieses Gelingen also auch öffentlich wird. Der Freundeskreis schaut über die sozialen Medien zu, verfolgt Höhepunkte und Niederlagen in Echtzeit mit, was den Ehrgeiz zusätzlich anstachelt.

Die Folgen sehen Kliniker und Therapeuten dann in der Praxis. Nils Spitzer ist Psychologischer Psychotherapeut mit dem Schwerpunkt kognitive Verhaltenstherapie. In seiner Praxis erlebt er immer wieder, wie ein gesellschaftliches Optimierungsfieber und übergroße Leistungsbereitschaft zunehmend mehr Menschen psychisch belasten. „Sie trainieren bis zum Umfallen, hungern sich halb zu Tode, verwandeln sich mit Psychopharmaka in energiegeladene gut gelaunte Temperamentsbolzen, bearbeiten Falten mit Nervengift oder lassen sich chirurgisch in Form bringen, wenn die Yogakurse nicht mehr ausreichen. Der Kampf um das Optimale, um die eigene Perfektion hat im Moment seinen vorläufigen Höhepunkt erreicht.“ Und dieser Optimierungswahn betreffe nicht nur Körpertuning und Hirndoping, sondern eben auch die Gestaltung der eigenen Biografie, gerade wo das eigene Leben immer weniger allgemeine Vorgaben hat und individuell frei gestaltbar ist. „So ist das Gelingen der eigenen Biografie gleichbedeutend mit dem Verwirklichen eigener Ziele. Und im Zuge einer Vorstellung vom optimalen Leben werden diese sehr hoch angesetzt.“

Raphael Bonelli ist Psychiater und Neurowissenschaftler an der Sigmund-Freud-Privatuniversität in Wien, Facharzt für Neurologie und systemischer Psychotherapeut. In seinem aktuellen Buch Perfektionismus erzählt er Fallgeschichten aus der eigenen Praxis von Patienten im Schönheits-, Schlankheits-, Leistungs- und Gesundheitswahn. Auch seine Diagnose lautet: Ob in Erziehung, Ehe oder im Job – immer wollen wir alles richtig machen und scheitern oft an den eigenen Ansprüchen. Sein Fazit: Es hilft enorm, sich seiner Fehlerhaftigkeit und Durchschnittlichkeit bewusst zu sein und sich darin anzunehmen. Das Ja zu den eigenen Schwächen sei letztlich der Königsweg zum Glück. Das heißt nicht, dass man jeden Ehrgeiz aufgeben müsste, nur eben den elementaren Unterschied erkennen sollte zwischen gesundem Ehrgeiz und krankmachendem Perfektionismus. Letztlich sei eine „Imperfektionstoleranz“ nötig, also nachsichtig zu sein mit den eigenen Fehlern, Niederlagen und verfehlten Zielen.

Nils Spitzer findet zudem das Einlassen auf oft unverfügbare Umstände sowie eine Akzeptanz des Machbaren zentral und meint damit den Realismus, dass die Umstände manchmal die Verwirklichung eigener Ziele eben nicht zulassen. „Oder man stellt im Extremfall sogar infrage, ob ein gelingendes Leben überhaupt mit ehrgeizigen Zielen zu tun haben muss, und fragt sich, ob man nicht auch ohne die ganz großen Lebensprojekte glücklich leben kann.“ Kleinere, erreichbarere Ziele ernst nehmen, das downshifting, sei eine Lösung. Denn das Leben könne auch ohne dramatisches Ringen um große Ziele gelingen.

Man sollte einen Plan B haben

Wie bei einer zeichnerischen Skizze kommt es mehr auf die Grundidee, die Hauptaussage, das Wesentliche an, über das man sich im Klaren sein muss. Nur die Frage „Was ist mir wirklich wichtig?“ muss beantwortet werden, die Details können später flexibel je nach Situation ergänzt werden. Es reicht beispielsweise zu wissen, dass man Kinder haben möchte; ob eines oder fünf muss man nicht mit 30 schon entscheiden. Es reicht, nach dem Abitur zu wissen, dass man am Theater arbeiten möchte, man muss nicht bereits zielstrebig die Intendantenkarriere planen. Diese Flexibilität bei der Lebensplanung entlastet nicht nur von zu viel Perfektionismus, sie hilft auch, wenn Unvorhergesehenes dazwischenkommt. Das Leben nämlich hält nun mal viele Überraschungen bereit. Hat man die Dinge dann zu engmaschig geplant, wird das Reagieren schwierig. Ein Unfall kann die Karriere als Profisportler jäh beenden; eine ungeplante Zwillingsschwangerschaft den Wunsch nach einem raschen Wiedereinstieg in den Beruf verhindern. Gleichzeitig bieten gerade solche Zwischenfälle die Möglichkeit, neue Wege zu finden. Der verhinderte Profisportler kann Sportreporter werden, die Zwillingsmutter in die Selbständigkeit ausweichen. Wer hier die nötige Flexibilität hat, entdeckt bisweilen sogar bessere Lösungen als die ursprünglich geplanten.

Christina Hölzle, Professorin für Psychologie an der Hochschule Münster mit den Schwerpunkten „personenzentrierte und ressourcenorienierte Beratung und Biografiearbeit“ interessiert sich für die Frage, wie Menschen als biografische Akteure ihre Lebensplanung gestalten und individuelle Lebensentwürfe umsetzen können. Sie betont, dass es einerseits wichtig sei, konkrete Ziele zu haben, „andererseits ist es genauso wichtig, für alles auch einen Plan B zu haben, da wir in vielen Fällen nicht wissen, ob unsere Anstrengungen zum gewünschten Erfolg führen, denn vieles liegt nicht in unserer Hand.“

Hölzle findet gerade für junge Menschen eine selbstbewusste, aber auch entspannte Zukunftsplanung wichtig. „Wir beobachten, dass möglichst hohe Bildungsabschlüsse gesellschaftlich als sehr erstrebenswert betrachtet werden. Jugendliche und Eltern stehen deshalb vielfach unter Druck. Unsere Projekte zur Biografiearbeit zeigen, dass sich sozial benachteiligte Jugendliche dann oft gar keine gelingenden Zukunftsperspektiven mehr vorstellen können. Sie gehen davon aus, dass sie ohnehin nichts erreichen können und sich Anstrengung nicht lohnt.“ Verzichteten jedoch gerade sie darauf, Zukunftspläne zu entwickeln, gebe es keine Motivation mehr, sich für die Zukunft zu engagieren. Wichtig sei, dass die Vision der Zukunft und der Weg dorthin sichtbar und realisierbar erscheinen.

Es erfordert also durchaus Selbstvertrauen und Zuversicht, manchmal auch Hilfe von außen, um Dinge einfach auf sich zukommen zu lassen. Das innere Bild der Skizze kann dabei helfen.

Literatur

  • Nils Spitzer: Perfektionismus und seine vielfältigen psychischen Folgen: Ein Leitfaden für Psychotherapie und Beratung. Springer, Heidelberg 2016
  • Raphael Bonelli: Perfektionismus. Wenn das Soll zum Muss wird. Pattloch, München 2014
  • Christina Hölzle, Irma Jansen (Hg.): Ressourcen­orientierte Biografiearbeit. Grundlagen – Zielgruppen – Kreative Methoden. VS, Wiesbaden 2011

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 5/2017: Nichts zu bereuen!
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