Godzilla & Co

Rezension: Wir brauchen Monster, um unseren Ängsten eine Gestalt zu geben, schreibt Hubert Filser.

Godzilla & Co

Wir brauchen Monster, um unseren Ängsten eine ­Gestalt zu geben und sie so beherrschbar zu machen

Im Ödipusmythos der griechischen Mythologie lässt sich der Königssohn auf einen Wettstreit mit der schaurigen Sphinx ein. Sie stellt ihm ihre berüchtigte Frage auf „Leben und Tod“, welche Ödipus richtig beantwortet. Plastisch führt die Sage vor Augen, wie ein Monster gedanklich entzaubert werden kann. Man schafft es wie Ödipus aus der Welt, indem man das von dem Monster aufgegebene philosophische Rätsel löst: in der Begegnung mit ihm zu reflektieren, was der Mensch ist. Dass eine solche Auseinandersetzung reiche Früchte trägt, belegt auch Hubert Filsers Monsterstudie.

Der Wissenschaftsjournalist beschreibt ausführlich, teilweise aber auch redundant die Funktion und den Zweck der gruseligen Geschöpfe, die vom Menschen auch deshalb erfunden werden, um eigene monströse Anteile auszulagern. Niemand konfrontiert sich gern mit dem inneren Gruselkabinett, betrachtet es aber umso lieber mit lustvoller Angst beim anderen.

In Anlehnung an den Kulturwissenschaftler Leo Braudy teilt der Autor die Schreckensgestalten in vier Gruppen ein und erklärt deren Wirkung mit dem „Uncanny-Valley-Effekt“, der Vertrautes plötzlich fremd erscheinen lässt. Da tummeln sich mit Godzilla und King Kong „Monster aus der Natur“ neben vom Verstand unkontrollierbaren erschaffenen Monstern, etwa den des Victor Frankenstein. Hinzu gesellen sich die „inneren Monster“, zu denen der Autor Selbstmord­attentäter zählt, welche das „Böse in uns selbst“ verkörpern, und die „Untoten“ als „Monster aus der Vergangenheit“.

Das Monster mutiert

Filser hat sich einer komplexen und lohnenswerten Aufgabe gestellt, bei der er Erkenntnisse der Gehirnforschung, der Anthropologie, der Psychoanalyse, der Geschichts- und Religionswissenschaften und Literaturwissenschaften einbezieht. Er will zeigen, wie sich durch die Entstehung der modernen Wissenschaften und durch geistige Zeitströmungen wie die Reformation und besonders die Aufklärung der Blick auf das Monster verändert. Es mutiert vom Mischwesen zur moralischen Gestalt, schließlich zu einer Abspaltung des Inneren. Dieser Wandel wirkt sich wiederum auf dessen fiktionale Gestaltung aus, er spiegelt sich in Erzählhandlung, in Erzählorten und in Gestalten wie Frankensteins Monster oder dem Vampir. Dieses Geflecht luzide, stringent und durchsichtig abzubilden, gelingt Filser allerdings nicht.

Auch weil in seiner Darstellung nicht immer deutlich wird, was Fiktion und ­Realität ist. Hilfreich wäre gewesen, zu überlegen, was das Wesen dieser Spezies überhaupt kennzeichnet, und zu trennen zwischen erfundenen, schriftlich überlieferten und „realen“ Monstern oder Monstrositäten, die Menschen mit körperlichen Fehlbildungen einbeziehen, um zu klären, worin deren Gemeinsamkeiten und deren Unterschiede bestehen. Trotzdem regt die Lektüre dieses Buches an, löst weitere Fragen aus. Beispielsweise: Weshalb rufen Monster nicht nur Angst, sondern auch moralische Gefühle wie Mitleid hervor?

Hubert Filser: Menschen brauchen Monster. Alles über gruselige Gestalten und das Dunkle in uns. ­Piper, München 2017, 288 S., € 20,–

Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 6/2018: Diese Wohnung tut mir gut!
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