Rollenwechsel

Rollenspiele können unserer Persönlichkeit guttun un die Beziehung zu anderen Menschen stärken

Sie müssen nicht immer sein, wer Sie sind – werden Sie doch mal jemand anderes! © Elke Ehninger

Rollenwechsel

Sie müssen nicht immer sein, wer Sie sind – werden Sie doch mal jemand anderes! Rollenspiele können ­unserer Persönlichkeit guttun und die Beziehung zu anderen Menschen stärken

Tiefe Falten und blutrote Linien durchziehen das Gesicht. Die Haare der hässlichen Gestalt sind verfilzt, die Augen schwarz umrandet. In dem weiten Gewand aus Leder und Fell wirkt sie übergroß. In der Hand hält sie ihre Waffe, eine lange Stange mit Widerhaken. Zwei andere, ähnlich furchteinflößende Figuren kommen aus dem nahen Lager. „Hey, Briknak, auf in die Schlacht!“, rufen sie. Gemeinsam verschwinden sie im Getümmel.

Hinter „Briknak“ verbirgt sich Björn Martens, ein Elektriker aus Schleswig-Holstein. Der 26-Jährige hat sich mit mehr als 8000 anderen Rollenspielern in einem kleinen Dorf zwischen Hannover und Bremen getroffen, um mehrere Tage in eine Fantasiewelt abzutauchen. Jedes Jahr findet hier auf einer etwa 60 Hektar großen Fläche einer der größten Rollenspiel-Events der Welt statt, der ConQuest of Mythodea. Dann kämpfen Orks, die aus Der Herr der Ringe bekannten Bösewichte, mit Rittern um die Zukunft ihres Landes – mit Waffen aus Schaumstoff und Latex. Doch nicht alle Spielergruppen beteiligen sich an der Schlacht: In der „Stadt“ von Mythodea, errichtet aus altertümlichen Zelten, können sich die Zauberer und Knappen in mittelalterlichen Tavernen treffen, edle Damen in Badezubern entspannen und Fabelwesen einen Goldschmiedekurs belegen. Fest steht nur: Alle Teilnehmer bleiben rund um die Uhr in ihrer selbstgewählten Verkleidung und Rolle.

Life Action Role Play, kurz LARP, nennt sich diese Mischung aus Improvisationstheater und Rollenspiel. Jedes Jahr finden mehrere hundert LARP-Events, sogenannte Cons (für Convention) in Deutschland statt. Neben Fantasy-Mittelalter-Treffen gibt es auch Western-Cons oder Vampirszenarien. Die Teilnehmerzahlen liegen im ein- bis vierstelligen Bereich. Für den ConQuest of Mythodea reisten im vergangenen August LARP-Fans aus 21 Nationen an.

Die Lust, sich hinter Masken zu verstecken

Entwickelt hat sich das Liverollenspiel in den 1980er Jahren aus verwandten Spielformaten heraus, bei denen die Teilnehmer zwar ebenfalls fiktive Charaktere annehmen, sich ihre Abenteuer aber nur erzählen. Das erste dieser sogenannten Pen and paper-Rollenspiele, Dungeons and Dragons, entstand 1974 in den USA. In Deutschland folgte zehn Jahre später Das Schwarze Auge. Heute haben die analogen Spiele längst von Rollenspielen am Computer oder im Internet Konkurrenz bekommen.

Die Begeisterung für das Experimentieren mit Charakteren und Gewändern ist aber nichts Neues, sondern so alt wie die Menschheit selbst. Schon Höhlenbilder zeugen von der Lust, sich hinter Masken zu verstecken. Im antiken Griechenland und im Römischen Reich gab es eine lebhafte Theaterszene. Und zur Zeit des Mittelalters verspottete man auf Narrenfesten die kirchliche Ordnung – ein Vorläufer des heutigen Karnevals.

„Das Rollenspiel bietet Möglichkeiten, die es in der Ernstwelt für Erwachsene nicht mehr gibt“, erklärt Wolfgang Oelsner. Der Kinder- und Jugendpsychotherapeut hat sich in mehreren Büchern mit der Liebe vieler Menschen zum Karneval beschäftigt. „Wir alle haben Hunderte Talente, müssen uns aber von den meisten verabschieden, wenn wir uns für ein Leben entscheiden“, sagt Oelsner. Masken und Verkleidung erlauben uns, auf Zeit jemand anderes zu sein – „ohne uns dafür verantworten zu müssen. Die Spielregel schützt, das ist befreiend!“ Björn Martens bestätigt: Durch die Übernahme verschiedener Charaktere könne er unterschiedliche Seiten von sich ausleben. Neben dem Ork Briknak schlüpft er bei seinen Ausflügen als Rollenspieler wahlweise in sieben andere Verkleidungen, vom Adelsmann bis zum Magier. Seit zehn Jahren ist er so unterwegs, fast jedes Wochenende; auf 40 Cons war er allein im vergangenen Jahr.

Fern vom Ernst des Alltags und hinter einer Maske fällt es uns leichter, mit Eigenschaften zu experimentieren, die wir im echten Leben auch gerne hätten. Der Schüchterne spricht dann hemmungslos Fremde an, der Angepasste schlägt über die Stränge, der Folgsame übernimmt die Führung und erfährt, wie sich Macht anfühlt. „Die Rolle bietet einen Schutzraum, in dem man sich erproben kann“, sagt Karl-Heinz Renner, Professor für Persönlichkeitspsychologie und psychologische Diagnostik an der Universität der Bundeswehr München. Eine seiner eigenen Studien hat gezeigt, dass dafür sogar eine virtuelle Identität ausreicht: In einer Befragung gaben Fans von Onlinerollenspielen an, sich im Spiel zumindest teilweise so darzustellen, wie sie im echten Leben gerne wären, aber (noch) nicht sein könn-en. Die amerikanische Soziologin Sherry Turkle bezeichnete Onlinerollenspiele auch als „Laboratorien für Identitätskonstruktion“: Wer will ich sein? In welcher Haut fühle ich mich wohl?

Als-ob-Spiele fördern die soziale Kompetenz

Indem wir mit Charaktereigenschaften experimentieren, erweitern wir das Bild der eigenen Persönlichkeit. „Durch Rollenspiele können wir uns selbst besser kennenlernen“, sagt Karl-Heinz Renner. Kinder machen sich diesen Effekt bereits ab einem Alter von drei Jahren zunutze, wenn sie andere bei Als-ob-Spielen nachahmen und sich verkleiden. Dann können sie in einer Minute eine Verkäuferin darstellen und in der nächsten ein Baby. Während sie sich in den Rollen ausprobieren, erleben sie verschiedene Facetten ihrer selbst. Das stärkt ihre eigene Identität.

Auch für Erwachsene seien solche Rollenwechsel im Spiel durchaus gesund, meint Psychotherapeut Wolfgang Oelsner. Abgesehen davon machen sie Spaß. LARP-Fan Björn Martens betont noch einen anderen Aspekt: „Einen Zusammenhalt wie unter Rollenspielern gibt es nirgendwo sonst“, meint er. Während des Spieles stürzen sich die Spieler gemeinsam in ein Abenteuer. So entsteht ein starkes Gefühl der Zugehörigkeit, das auch zu Freundschaften führen kann. In einer Studie mit mehr als 900 Onlinerollenspielern aus 45 Ländern gaben drei Viertel der Teilnehmer an, gute Freunde im Spiel gefunden zu haben. 42 Prozent haben sich daraufhin auch im echten Leben getroffen.

Rollenspiele können also nicht nur die eigene Identität, sondern auch das Miteinander fördern – wiederum von Kindesbeinen an. Der Nachwuchs lernt bei Als-ob-Spielen, in der Gruppe zu interagieren, Beziehungen auszutesten und je nach Rolle eine andere Sicht auf eine Situation einzunehmen. „Auch im Erwachsenenalter üben wir so den Perspektivwechsel und erweitern unsere soziale Kompetenz“, sagt Persönlichkeitspsychologe Karl-Heinz Renner. In einer Befragung von mehr als 500 Laienrollenspielern schätzten 24 Prozent ihre Sozialkompetenz vor Aufnahme des Hobbys als unterentwickelt ein. Nachdem sie die Leidenschaft für das Spiel gepackt hatte, empfanden sich nur noch vier Prozent als sozial wenig kompetent. Auch die gestiegene Lebenserfahrung mit zunehmendem Alter könnte für dieses Ergebnis eine Rolle gespielt haben.

Rollenwechsel als Therapie

Sich in andere und ihre Sichtweisen hineinzuversetzen fällt im Spiel leichter als im reinen Gespräch. Davon war auch der Psychiater Jacob Moreno überzeugt und entwickelte in den 1920er Jahren die Therapieform des Psychodramas. Dabei stellt der Klient Situationen und Konflikte szenisch dar – teilweise unterstützt durch Mitglieder seiner Psychodrama-Gruppe. Möchte jemand zum Beispiel einen Streit innerhalb der Familie bearbeiten, teilt er die Rollen der Familienangehörigen den anderen Gruppenmitgliedern zu und gibt ihnen ihren Text vor. Dadurch wird zunächst nur das subjektive Erleben des Klienten nachgespielt. Während der Szene geht er dann mithilfe des Therapeuten auch in die Rollen der anderen Beteiligten hinein und fragt sich: Was könnte diese Person denken? Wie reagieren? „So werden wir empathischer und verstehen andere und vor allem unsere inneren Bilder besser“, erklärt Psychotherapeut Christian Stadler, der das Psychodrama regelmäßig anwendet und lehrt. „Durch Rollenwechsel können wir diese inneren Bilder dann verändern.“ Indem der Klient eine Situation von außen betrachtet und etwas Neues ausprobiert, erkennt er, wie er sich in Zukunft anders verhalten könnte. „Die Methode erweitert mein Rollenrepertoire, ich kann also flexibler mit anderen umgehen“, sagt Christian Stadler. Viele Patienten beklagten, dass sie in Konflikten immer gleich reagierten, obwohl sie es eigentlich besser wüssten. „Wer im Spiel einmal eine andere Rolle eingeübt hat, kann nicht mehr eins zu eins ins alte Muster zurückfallen“, ist der Therapeut überzeugt.

Das Psychodrama wird häufig mit anderen Therapiemethoden wie der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie oder der Verhaltenstherapie kombiniert, kommt aber auch im Coaching zum Einsatz, etwa wenn sich jemand auf seine Führungsrolle vorbereiten möchte. Oft findet es heute nicht in der Gruppe, sondern in der Einzelsituation als sogenanntes Monodrama statt. Dann spielt der Klient zum Beispiel selbst einen Dialog mit einem zukünftigen Mitarbeiter durch und wechselt von einer Rolle in die andere und zurück.

Neue Bilder fürs Leben finden

Auch bei Aufstellungsverfahren werden Lösungen durch einen Perspektivwechsel eingeleitet. Psychotherapeutin Insa Sparrer und ihr Ehemann ­Matthias Varga von Kibéd entwickelten die systemische Strukturaufstellung, die unter anderem auf Morenos Psychodrama aufbaut (siehe Interview auf Seite 63). Während die Klienten im Psychodrama jedoch ganze Szenen ausspielen, ordnet der Klient bei einer Aufstellung nur die Beteiligten im Raum an, um ihre Beziehungen zueinander darzustellen. Indem die Aufstellung anschließend verändert wird, werden auch die Beziehungen modelliert. Der Klient beobachtet zunächst von außen, was mit den Beziehungen passiert. Ist ein Lösungsbild gefunden, kann er in die neue Struktur hineintreten und nimmt so die Veränderung wahr. Die Erkenntnisse können dann auf das normale Leben übertragen werden.

Doch wirkt sich auch ein Hobbyrollenspiel auf das wahre Leben aus? Darauf deutet zumindest eine Untersuchung hin, die Persönlichkeitsprofile von Teilnehmern einer Laienschauspielgruppe mit ihren Theaterrollen verglich – vor, während und nach der Produktion eines Stückes. Es zeigte sich, dass sich die Persönlichkeiten der Schauspieler über die Zeit an die Eigenschaften ihrer jeweiligen Rollen in dem Stück annäherten. „So etwas passiert niemals bewusst, sondern implizit“, sagt Karl-Heinz Renner. Die Studie hat methodische Schwächen und wurde bisher nicht repliziert.

Wir alle spielen Theater

Klar ist jedoch: Auch im Alltag passen wir uns an und geben alle gute Rollenspieler ab. Je nachdem, in welchem Umfeld wir uns befinden, verhalten wir uns unterschiedlich. Im Job folgen wir anderen Umgangsformen als im Fußballstadion oder am Abendbrottisch. Der normale gesellschaftliche Umgang sei daher vergleichbar mit den Szenen eines Theaterstücks, schrieb etwa der Soziologe Erving Goffman in seinem Standardwerk Wir alle spielen Theater aus dem Jahr 1959.

Wer auf diese Weise im Leben besonders viele Rollen einnimmt, profitiert davon auch psychisch und körperlich, meint die amerikanische Psychologin Patricia Linville. In einer Untersuchung verglich sie Menschen, deren Selbstbild aus vielen verschiedenen Aspekten bestand, wie zum Beispiel „Ehefrau“, „Anwältin“, „Freundin“ und „Tennisspielerin“, mit Menschen, die ein weniger komplexes Bild von sich hatten. Dabei zeigte sich, dass vielfältige Rollen den negativen Effekt von Stress abpuffern können, also weniger anfällig für Depressionen, Grippe oder andere stressinduzierte Krankheiten machen. Wer sich etwa nur über den Beruf definiert, wird von Stress im Job offenbar leichter aus der Bahn geworfen als jemand, der nach Feierabend in die Rolle des Familienvaters oder Freundes schlüpft. „Rollen sind potenzielle Ressourcen“, sagt Karl-Heinz Renner.

Während die meisten Menschen solche Rollenwechsel unbewusst vollziehen, verwandeln andere das normale Leben gezielt in eine Bühne. Sogenannte histrionische Selbstdarsteller ergreifen in Alltagssituationen bewusst die Gelegenheit zum Rollenspiel; ihr Umfeld soll unbedingt merken, dass sie in eine andere Haut schlüpfen. Dazu verstellen sie zum Beispiel ihre Stimme, machen ironische Bemerkungen, zitieren Ausschnitte aus Filmen oder verwandeln sich mit der entsprechenden Mimik, Gestik und Körperhaltung für kurze Zeit in jemand anderes. „Das kann sehr humorvoll sein“, sagt Karl-Heinz Renner. Geschickte Selbstdarsteller verstehen es zudem, ernste Situationen spielerisch zu entspannen – vorausgesetzt, sie haben das passende Publikum.

Der positive Effekt von Rollenspielen auf die Psyche und das Miteinander hält jedoch nur an, solange eine gesunde Dosis nicht überschritten ist. Wenn Onlinerollenspieler den größten Teil ihrer Freizeit vor dem PC verbringen, leiden ihre sozialen Kontakte, und eine Abhängigkeit kann entstehen. Ähnlich kann die histrionische Selbstdarstellung das Ausmaß einer Persönlichkeitsstörung annehmen und behandlungsbedürftig werden. Doch ist die Grenze gewahrt, können wir uns im Spiel mit Charakteren und Kostümen ganz neu erleben – und weiterentwickeln.

Die Quellen zu diesem Beitrag finden Sie auf unserer Website unter www.psychologie-heute.de/literatur

„Lernen durch den Perspektivwechsel“

Insa Sparrer hat gemeinsam mit Matthias Varga von Kibéd die „systemische Strukturaufstellung“ entwickelt, deren Ausgangspunkt die Übernahme anderer Rollen ist

Frau Sparrer, wie hilft das Rollenspiel in der Psychotherapie?

Durch Rollenspiel können Klienten Situationen von außen betrachten, indem sie sich von anderen darstellen lassen. Das verschafft einen hilfreichen Abstand zu der Situation. Auf der Bühne können wir zudem ein Verhalten erproben, das wir sonst wegen möglicher Konsequenzen kaum versuchen würden, und so neue Einsichten gewinnen. Das wird von Jacob Moreno im Psychodrama wie auch in der Familientherapie von Virginia Satir genutzt.

Warum haben Sie darauf aufbauend eine eigene Methode entwickelt?

Bei Moreno oder Satir fiel auf, dass die Rollenspieler ihre Rollen besser ausführten, als es auf Basis der gegebenen Informationen eigentlich möglich war. Manchmal sagten Klienten sogar, dass die Rollenspieler die gleichen Formulierungen benutzten wie die von ihnen dargestellten Personen – auch wenn ihnen kein Text vorgegeben worden war. Dieses Phänomen hat uns sehr interessiert. Wir fragten uns, was wohl geschehen würde, wenn die Rollenspieler gar keine inhaltlichen Informationen mehr über die Person hätten, die sie darstellen sollten.

Wie soll das funktionieren?

Wir klären zunächst mit den Klienten, welche Elemente im Raum nötig sind, um ihr Anliegen darzustellen. Solche Elemente können Personen, Gegenstände oder etwas Abstraktes sein, wie ein Wert oder Ziel. Wenn ein Klient zum Beispiel unter einem Konflikt der Eltern leidet, wären die Elternteile und der Klient die Elemente. Anschließend kommen die Teilnehmer der Gruppe in den Raum, und der Klient wählt aus, wer welches Element repräsentieren soll. Die Repräsentanten selbst wissen jedoch nicht, wen oder was sie darstellen. Wir nennen sie Repräsentanten und nicht Rollenspieler, denn es gibt hier keine Beschreibungen der Rollen. Der Klient stellt nun die Repräsentanten im Raum auf, dabei immer auch einen Repräsentanten für sich selbst. Entscheidend ist die Art, wie sie zueinander angeordnet werden. Wird diese Anordnung geändert, so ändern sich auch die Körperempfindungen der Repräsentanten. Das zeigen entsprechende Versuche.

Wieso sollten sich ihre körperlichen Empfindungen ändern?

Weil wir immer Beziehungen aufstellen. Unterschiedliche Beziehungen werden von unterschiedlichen Empfindungen begleitet. Man nimmt zum Beispiel körperlich wahr, ob man nah bei oder weit entfernt von jemandem steht. Wenn wir nun die Anordnung verändern, fragen wir die Repräsentanten, ob sich dabei auch etwas in ihrem Körper verändert hat. Der Stand könnte fester oder unsicherer geworden sein, vielleicht kommen Gefühle wie Freude oder Wut auf. Diese Unterschiede kann jeder wahrnehmen. Das muss nicht eigens erlernt werden. An die Stelle des Rollenspiels tritt bei uns die Wahrnehmung der Repräsentanten.

Worin besteht das Ziel?

Am Ende einer Strukturaufstellung sollten sich die Repräsentanten eher besser fühlen als zu Beginn. Wir erarbeiten dieses Lösungsbild im Gespräch mit Klienten und Repräsentanten. Bei einem Konflikt der Eltern könnte der Repräsentant des Klienten im Bild zunächst so stehen, dass er in den Konflikt verwickelt wird. Wir würden dann zum Beispiel mehr Abstand zwischen den Eltern und dem Klienten schaffen. Anschließend kann der Klient selbst an seine Stelle in der Aufstellung treten und die Lösung von innen heraus erleben. Danach kann er auf Wunsch noch weitere Perspektiven erproben, indem er an die Position anderer Elemente tritt.

Wie wird die Lösung dann auf das wahre Leben übertragen?

Schon durch das Zuschauen bekommt der Klient Ideen, was er zukünftig verändern könnte, zum Beispiel mehr Abstand zum Konflikt seiner Eltern wahren. Und so wie der Klient in das Lösungsbild tritt, erlebt er die Beziehungen zu den anderen Beteiligten als weniger konflikthaft. Dadurch kann er in Zukunft anders handeln. Wir lernen durch körperliche Erfahrung und durch den Perspektivwechsel.

Insa Sparrer ist Psychologin und Psychotherapeutin. Gemeinsam mit Matthias Varga von Kibéd hat sie das SySt-Institut für systemische Strukturaufstellungen in München gegründet. Sie gibt europaweit Aus- und Fortbildungsseminare an verschiedenen Instituten und Universitäten

Literatur:

Helena Cole, Mark D. Griffiths: Social interactions in massively multiplayer online role-playing games. Cyberpsychology & Behavior, 10, 2007, 575–583. DOI: 10.1089/cpb.2007.9988

Erving Goffman: Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag. Piper, München 2003

Mo T. Hannah u. a.: Acting and personality change: The measurement of change in self-perceived personality characteristics during the actor’s character development process. Journal of Research in Personality, 28, 1994, 227–286. DOI: 10.1006/jrpe.1994.1020

Patricia W. Linville: Self-complexity as a cognitive buffer against stress-related illness and depression. Journal of Personality and Social Psychology, 52, 1987, 663–676. DOI: 10.1037//0022-3514.52.4.663

Rolf Oerter: Psychologie des Spiels. Beltz, Weinheim 2011

Karl-Heinz Renner: Selbstdarstellung im MUD und auf privaten Homepages – Unterschiede und Gemeinsamkeiten. In: Evelyne Keitel, Klaus Boehnke, Karin Wenz (Hrsg.), Neue Medien im Alltag: Nutzung, Vernetzung, Interaktion. DFG-Forschergruppe „Neue Medien im Alltag“, Band 3, Pabst Science Publishers, Lengerich 2003

Insa Sparrer: Systemische Strukturaufstellungen. Theorie und Praxis. Carl-Auer Verlag, Heidelberg 2016

Reinhard Zulehner: Rollenspiele als Kulturgut? Eine empirische Studie über Pen&Paper-Rollenspiele. Tectum Verlag, Marburg 2010

Illustration zeigt eine Frau mit zwei verkleideten Männern, die sich an den Händen halten
Sie müssen nicht immer sein, wer Sie sind – werden Sie doch mal jemand anderes!

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