Denken wie die Bienen

Obwohl jeder Einzelne wenig weiß, kommt er irgendwie zurecht. Ein Buch erklärt das mit einem Kollektivgedächtnis, ähnlich wie bei manchen Insekten.

„Das Geheimnis des Erfolgs menschlichen Denkens liegt darin begründet, dass wir in der Welt, in der wir leben, von Wissen umgeben sind. […] So haben wir leichten Zugang zu den enormen Wissensmengen in den Köpfen anderer Leute.“

Diese Sätze fassen die Kernthese des Buches Wir denken, also bin ich gut zusammen: Es ist erstaunlich, wie wenig jeder Einzelne von uns weiß – und wie gut es uns dennoch gelingt, im Leben zurechtzukommen und sogar herausragende Leistungen zu vollbringen. Dass unser Denken viel begrenzter ist, als wir glauben, verdeutlichen Steven Sloman und Philip Fernbach an zahlreichen Beispielen: Wie gut wissen Sie zum Beispiel, wie eine Kaffeemaschine, ein Reißverschluss oder eine Klospülung funktionieren? Die meisten Menschen glauben, sich ganz gut auszukennen. Bittet man sie jedoch, die Funktionsweise etwa von Alltagsgegenständen genau zu beschreiben, scheitern sie – und ihre Wissenslücken werden ihnen erst dann bewusst.

Das Individuum hat Spezialwissen und Zugang zum Kollektivgedächtnis

Stattdessen, so die Sichtweise der beiden amerikanischen Forscher, funktioniert unser Denken am ehesten wie bei Bienen in einem Bienenstock: Jeder Einzelne verfügt in bestimmten Bereichen über Spezialwissen, hat über vieles andere aber nur oberflächliche Kenntnisse. Wenn wir eine Aufgabe lösen oder eine wichtige Entscheidung treffen müssen, greifen wir auf eine Art „Kollektivgedächtnis“ zurück, so die Autoren: Wir suchen die notwendigen Informationen in der Umwelt, im Körper und vor allem bei anderen Menschen. So fragen wir Freunde, probieren selbst herum, lassen uns von einem Experten beraten oder holen uns Informationen im Internet.

In weiteren Kapiteln gehen die Autoren darauf ein, warum wir so denken, wie wir denken, wie unser Denken von Vorgängen im Körper und dem Eingebundensein in eine soziale Gemeinschaft abhängt und wie die Technologie unser Denken beeinflusst. Ihre Erkenntnisse veranschaulichen Sloman und Fernbach anhand von Studien aus der Kognitionswissenschaft – auf emotionale oder motivationale Faktoren gehen sie dabei weniger ein. So schildern die Wissenschaftler, dass Menschen sich schwertun, nichtlineare Zusammenhänge zu verstehen, und daher die Dynamik von Geldanlagen oder Krediten falsch einschätzen.

Es hilft, die Begrenztheit des eigenen Denkens zu sehen

Eine der Schlussfolgerungen aus der „Beschränktheit“ menschlichen Denkens klingt einleuchtend: sich öfter bewusstzumachen, wie wenig man über einen Sachverhalt weiß, und selbstkritisch zu prüfen, was man wirklich verstanden hat. Im nächsten Schritt ist es dann möglich, Wissenslücken gezielt zu schließen.

Auch wenn manche Beispiele etwas weitschweifig geraten sind, bevor die Autoren auf den Punkt kommen – insgesamt liest sich ihr Werk Wir denken, also bin ich  flüssig und anschaulich. Ein spannendes Buch, das aufzeigt, wie sich un- und antiwissenschaftliches Denken verändern lassen könnte, wie man eigene Wissensdefizite erkennt – und warum Wissens­illusionen manchmal auch nützlich sein können.

Steven Sloman, Philip Fernbach: Wir denken, also bin ich. Über Wissen und Wissensillusionen. Aus dem Amerikanischen von Wolfgang Seidel. Beltz, Weinheim 2019, 358 S., € 22,95

Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 7/2019: Werden, wer ich bin
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