Wie wir in Gesichtern lesen

Nichts ist für Menschen so wichtig wie Gesichter. Dass wir Meister sind im Gesichtererkennen, verdanken wir dem Jennifer-Aniston-Neuron.

Ein Mann steht vor schwarzem Hintergrund und schaut direkt in die Kamera
Die menschliche Mimik ist unschlagbar. Wir beherrschen 10000 Gesichtsausdrücke © plainpicture/Simon Puschmann

Die jungen Frauenaugen schauen gerade in die Kamera. Als würden sie ihren Betrachter durchbohren wollen. Ich würde also durchdringend angeben, wenn man mir diesen Begriff als Attribut für den Augenausdruck auf dem Foto anbieten würde. Macht man aber nicht. Stattdessen kommen als Vorschläge: „schockiert“, „amüsiert“, „entschlossen“ und „gelangweilt“. Was jetzt? Ich kreuze „entschlossen“ an und klicke zum nächsten Foto. Da blinzelt ein Paar älterer Augenschlitze seitwärts an der Kamera vorbei. Schaut es verträumt? Wohl nicht, denn als Begriffsvorschläge werden hier „befreit“, „niedergeschlagen“, „aufgeregt“ und „schüchtern“ genannt. Ernste Zweifel kommen jetzt bei mir auf, ob ich überhaupt irgendeinen Gesichtsausdruck richtig erkennen kann. Bin ich zu unempathisch? Vielleicht sogar ein verkappter Autist? Oder habe ich zu lang in Smartphones und Laptops gestarrt, so dass meine Fähigkeit zum Gesichterlesen versiegt ist?

Andreas Sprenger kann mich beruhigen. „Die Augen sind zwar wichtig für uns, um den Ausdruck in einem Gesicht lesen zu können“, erklärt er. „Aber es fällt uns natürlich leichter, wenn wir auch noch andere Gesichtsareale sehen, wie etwa den Mund und die Stirn.“ Wenn es darum geht, im Gesichtsausdruck die Gefühlslage der abgebildeten Person zu erkennen, liege die Trefferquote beim bloßen Blick auf die Augen bei 25 von 36 Bildern. „Man liegt also in seiner Einschätzung immerhin mit 11 von 36, also bei fast jedem dritten Bild daneben“, erklärt der Psychologe.

Sprenger hat sich zusammen mit seinen Kolleginnen Juliana Wiechert und Soé Neuwerk von der Universität Lübeck der Frage angenommen, ob alle Menschen weitgehend gleich gut darin sind, von den Augen ihres Gegenübers auf dessen emotionalen Zustand zu schließen. Sie verglichen dabei Paar- und...

Den kompletten Artikel können Sie bei uns kaufen oder freischalten.

Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 9/2019: Konzentration finden
print

News

Leben
Welche Tipps würden Sie ihrem jüngeren Selbst geben? Eine Studie zeigt, was Menschen im Rückblick bewegt und was vor Reue schützt.
Gesellschaft
Eine Studie zeigt, wie Frust zu ungesundem Essen führt – und wie man sich dank einer Übung zum Wohlbefinden mit weniger Kalorien begnügt.
Gesellschaft
Digital lesen wir oberflächlicher, wie eine neue Studie zeigt – doch es kommt aufs Genre an.