Ganz Ohr sein

Zuhören ist eine Kunst. Richtig zuhören – nicht nur mit den Ohren, auch mit Herz und Verstand. Dazu braucht es Offenheit und Geduld – Mangelware in Zeiten, da viele Menschen emsig damit beschäftigt sind, auf allen Kanälen die eigene ­Überzeugung, Erfahrung, Kritik, Empörung oder Begeisterung kundzutun. ­Insofern ist es zu begrüßen, dass sich zwei Bücher diesem Thema widmen und ­Anregungen zu gelingendem Zuhören ­zusammentragen.

Alain Braconniers Ohren auf! will dabei vor allem jenen, die „im Geist die Frage mit sich herumtragen ‚Warum hört mir keiner zu?‘“, vermitteln, wie man sich Gehör verschafft. Das Buch trägt den schönen Untertitel Wer richtig zuhört, öffnet Herzen. In Braconniers Text findet sich allerdings wenig zum Herzöffnen, eher geht es um Wege und Techniken, wie wir die Bereitschaft zum Zuhören bei Gesprächspartnern erreichen können.

Ein großer Ratschlag

Dazu trägt der französische Psychotherapeut eine Fülle unterschiedlichster Situationen und Konstellationen aus verschiedenen Lebensbereichen zusammen. Manche sind anregend, doch auf die Dauer ermüdet die Flut immer neuer Beispiele, weil der Autor nie genauer auf sie eingeht. Kaum Analyse, wenig Differenzierung, stattdessen Bewertungen, Direktiven, ­Verallgemeinerungen und mitunter krude Sätze und fragwürdige Postulate. Und was wollen Sätze wie „Negative Emotionen (Angst, Trauer, Ekel) deuten auf ein Problem hin“ oder „Das Verlangen nach ­Gehör ist eine Reaktion auf menschliche Angst“ sagen?

Das Buch kommt als Ganzes wie ein großer Ratschlag daher. Zwar werden auch wissenschaftliche Studien zitiert, die Autorität des Gesagten sieht der Autor aber vor allem in der eigenen beruflichen ­Position und Erfahrung begründet. Er ­offeriert Tipps, Heilmittel, erläutert aber weder deren genaue Zusammensetzung noch die Wirkungsweise. Für alle, die gern verstehen wollen, warum sie was wann und wie tun, eine unbefriedigende ­Lektüre.

Eine diffizile Dynamik

Ganz anders die Studie von Michael P. Nichols Die Macht des Zuhörens, die zeigen will, wie durch „richtiges Zuhören“ Kontakt und Beziehungen gestärkt werden können. Von der ersten Seite an beschreibt Nichols Zuhören nicht als eine Technik, sondern als diffizile Dynamik zwischen Menschen, die verlangt, dass man möglichst genau versteht, was man tut.

Als Grundelemente dieser Dynamik und ihres Gelingens oder Misslingens ­arbeitet der Autor die Differenz zwischen Absicht und Wirkung heraus sowie die Mechanismen Übertragung und Gegenübertragung. Übertragung meint, dass unsere Botschaften durch Erinnerungen und Erwartungen der Sprechenden geprägt werden. Erwartungen, die sich auch konkret auf das Gegenüber beziehen – aber nur selten bewusst sind. Gegenübertragung bezeichnet korrespondierend dazu die emotionale Reaktion des Zuhörers auf das Gesagte, die wiederum entscheidenden Einfluss darauf hat, was genau der Hörende hört.

Dieses komplexe Zusammenspiel wahrzunehmen und bei Bedarf zu entschlüsseln hilft, möglichen Gründen für Nichtverstehen oder Missverständnisse auf die Spur zu kommen.

Wer daran interessiert ist, wirkliches Zuhören zu praktizieren, braucht vor ­allem eins: die Bereitschaft, die eigenen Themen, Überzeugungen, Gefühle und Impulse für eine Weile zurückzustellen – und sich wirklich für das, was der oder die andere sagt, zu interessieren. Das heißt, nicht selbst mögliche Antworten zu entwerfen, eigene Themen zu umkreisen und auch nicht die emotionale Verfassung des Sprechenden zu entkräften, etwa durch rasches Trösten oder schnelle Lösungsvorschläge. Dienen diese doch meist nicht dem Kontakt, sondern der Abwehr unliebsamer Gefühle wie Hilflosigkeit oder Traurigkeit beim Zuhörer. Gefragt ist vielmehr „responsives Zuhören“, das den Sprechenden durch Fragen ermutigt, weiter in seine Erfahrungen einzutauchen.

Das geht natürlich immer nur für eine bestimmte Zeit, darf nicht zur festen Struktur des Gesprächskontaktes zwischen zwei Menschen werden – außer in den dafür vorgesehenen Kontexten wie einer Psychotherapie.

Ein echtes Minenfeld

Als wäre das Geflecht aus den genannten Einflüssen nicht schon herausfordernd genug, kommen in Alltagsgesprächen noch weitere, subtil wirkende Faktoren hinzu, denen sich das Buch im Mittelteil ausführlich widmet: Tatsächlich kommunizieren wir alle – häufig unbewusst – vor dem Hintergrund prägender Objektbeziehungen wie etwa der zu unseren Eltern, die uns mit bestimmten Erwartungen und Verhaltensmustern in den Kontakt gehen lassen: Wenn uns die neue Chefin an den herrischen Vater erinnert, wird das, was wir von der Chefin hören, unter Umständen stärker von dieser Erinnerung bestimmt als von dem, was sie tatsächlich sagt.

Entsprechend ist auch das Auftreten der Chefin beeinflusst von den sie prägenden frühen Beziehungen. Ein echtes Minenfeld. Kein Wunder, dass es so ­häufig zu Kränkung, Missverständnissen, (vermeintlichen) Überreaktionen, jahrelangen Streits und hässlichen Zerwürfnissen kommt. Hier immer wieder neu einen der Situation und den jeweiligen Personen angemessenen Austausch zu finden ist ein ständiger Balanceakt – und wirkliches Zuhören dabei elementar. Es gilt, die eigenen Erinnerungen und Prägungen und deren Ausdrucksformen zu kennen. Eine Lebensaufgabe, für deren Bewältigung Nichols reichhaltiges Handwerkszeug ­zusammenträgt.

Hilfreich sind auch die pointierten Zusammenfassungen wesentlicher Gesichtspunkte und die ausführlichen Hinweise, wie gelingendes Zuhören in familiärer Interaktion, Paarbeziehungen, Freundschaften oder dem beruflichen Feld erreicht werden kann.

„Wer zuhören will, muss loslassen ­können.“ Dazu und zu einer konsequenten Selbsterkundung des eigenen Beitrags zu Kontakt und Kommunikation lädt das anregende Buch des amerikanischen ­Psychoanalytikers und Familientherapeuten ein.

Alain Braconnier: Ohren auf! Wer richtig zuhört, öffnet Herzen. Aus dem Französischen von Dietlind Falk. Goldmann, ­München 2018, 240 S., € 10,–

Michael P. Nichols: Die Macht des Zuhörens. Wie man richtiges ­Zuhören lernt und Beziehungen stärkt. Aus dem Amerikanischen von Julia Augustin. Narayana, Kandern 2018, 342 S., € 19,80

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 6/2019: Vom Glück, Verantwortung zu teilen
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