Der Wald verlangt keine Gegenleistung

Therapiestunde: Mal die vier Wände des Therapiezimmers verlassen. Warum ein Wald das ideale Setting sein kann.

Die Illustration zeigt eine Frau in der Natur, die sich entspannt an einen großen Vogel lehnt, um ihre Ängste und Schuldgefühle zu verarbeiten
Die Natur kann der Patientin Ruhe und Geborgenheit außerhalb des bekannten Therapiezimmers geben. © Michel Streich

In meiner Praxis dürfen Klienten zu Beginn einer jeden Stunde wählen, ob sie die Sitzung lieber im Raum oder in der Natur verbringen möchten. Ich beziehe Naturerfahrungen in die Psychotherapie mit ein, weil Menschen draußen in Kontakt mit dem Lebendigen kommen – und somit auch mit den lebendigen und gesunden Anteilen in sich selbst.

Auf einem dieser therapeutischen Spaziergänge klagte meine Klientin Frau B.: „Wegen mir und meiner Angststörung muss mein Mann jetzt auch noch auf einen Asienurlaub verzichten. Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil er so gern geflogen wäre und es nur mir zuliebe bleiben lässt. Ich will ihn doch nicht so einschränken!“ Ich fragte sie, ob ihr Mann wirklich verzichten müsse oder ob er sich aus freien Stücken dafür entschieden habe. „Er sagt, dass seine Entscheidung für ihn in Ordnung ist, aber das glaube ich ihm nicht.

Mir wäre es lieber, wenn er es nicht nur mir zuliebe machen würde, sondern aus eigener Motivation.“ „Und könnte die eigene Motivation nicht auch sein, dass er mit Ihnen gemeinsam so verreisen will, dass beide sich wohlfühlen?“ Die Klientin überlegte kurz. „Ich kann es ganz schlecht annehmen, wenn Leute mir einen Gefallen tun wollen. Ich denke dann immer, dass ich den Aufwand nicht wert bin und die anderen mich überschätzen.“

Von der Natur beschenken lassen

Bei einer genaueren Erkundung dieses Phänomens erinnerte sich Frau B. daran, dass es in ihrer Herkunftsfamilie üblich war, für jeden Gefallen eine Gegenleistung zu erbringen. Eine Tante habe sogar explizit Gegenleistungen für Geschenke eingefordert –…

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 1/2020: Bilder der Kindheit
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