Minze im Kopf

Tim Parks’ Reise in das menschliche Gehirn konfrontiert die philosophischen und neurowissenschaftlichen Theorien mit der eigenen Erfahrung.

Angenommen, Sie lutschen ein Minzbonbon und haben ein intensives Geschmackserlebnis. Und angenommen, jemand hätte direkten Zugang zu Ihrem Gehirn, zu genau dem Areal, wo Neurowissenschaftlerinnen und Neurowissenschaftler das Schmecken verortet haben. Er würde nichts finden, was nach Minze schmeckt. Es gäbe dort Neuronen, elektrische Impulse und ein paar Botenstoffmoleküle. Vor allem aber ist da diese wabblige graue Hirnmasse. Wo also entsteht Geschmack? Auf der Zunge? Im Kopf? Und vor allem: Auf welche Weise ist die Information „Minze“ abgelegt?

Diese Fragen verwirren uns ebenso wie Tim Parks, der ein erstaunliches Buch zur Grundfrage jeder Philosophie geschrieben hat: Wie nehmen wir die Welt wahr? Bilden wir sie überhaupt korrekt ab? Oder gibt es sie nur in unserem Kopf?

Tim Parks kennen viele als Schriftsteller (Stille) oder als Erzähler des witzigen autobiografischen Sachbuchs Die Kunst stillzusitzen, in dem er wegen chronischer Unterleibsschmerzen zu meditieren lernt. Auch im neuen Buch dürfen wir wieder mit ihm stillsitzen, nämlich nachts, wenn er nicht schlafen kann. Dann nimmt er uns mit in die Welt der beglückenden Gammawellen in seinem Kopf.

„Kenn ich schon“

Viele weitere persönliche Reflexionen über seine eigene Wahrnehmung offenbaren das Strickmuster des Buchs: Parks möchte neurowissenschaftliche Debatten erlebbar machen und erzählerisch aufheitern. Zudem hat er einen signalroten Faden mit eingewoben: die aufreizende Meinung des Philosophen Riccardo Manzotti, der die gängige These bestreitet, dass in unserem Gehirn Bilder oder Repräsentanten von Objekten und Erfahrungen abgelegt werden. Er behauptet, dass die Erfahrung eines Objekts mit dem Objekt identisch sei. Wer jetzt ein großes Fragezeichen vor sich sieht, muss sich nicht allein fühlen. Manzotti nervt zuweilen, doch ist er Parks’ kluges und gnadenloses Alter Ego, um angebliche Gewissheiten über Geist und Bewusstsein zu hinterfragen.

Parks interviewt zunächst die Entwicklungspsychologin Sabina Pauen. Sie lässt an der Universität Heidelberg Hirnströme von neun Monate alten Babys messen, während ihnen Gesichter gezeigt werden. Hat das Baby ein Gesicht schon einmal gesehen, reagiert das Gehirn weniger ausgeprägt als beim ersten Mal. Man könnte das übersetzen mit: „Kenn ich schon.“ Beweist das, dass das Kind im Gehirn Bilder ablegt, mit denen es die neuen Eindrücke vergleicht? Die Professorin will nicht spekulieren und lässt Parks mit seinen Fragen im Regen stehen. Sie sagt, niemand wisse, was tatsächlich in den Köpfen vor sich geht, und schon gar nicht, was die Kleinen erleben, wenn Hirnströme fließen. Doch ist sie sicher, dass Babys Kategorien in ihrem Kopf bilden – und zwar schon vor dem Spracherwerb.

Unser Hirn ist kein Computer

Im Labor der Neurobiologin Hannah Monyer läuft Parks zur Bestform auf. Wie er die weißen Mäuse mit ihren kleinen schwarzen Boxen auf den Köpfen wahrnimmt und vor allem riecht, ist meisterhaft erzählt. Monyer untersucht, wie Neuronen im Maushirn miteinander kommunizieren, sie will wissen, wie die Nager die Ausmaße ihres Käfigs erfassen. Offenbar haben sie in kürzester Zeit eine Art Karte im Kopf. Auch diese Wissenschaftlerin weigert sich, über Fragen des Bewusstseins zu spekulieren, sie interessiert sich „nur“ für die Speicherung von Information, weil sie Alzheimer oder Parkinson verstehen will.

Mit Thomas Fuchs, der die Karl-Jaspers-Professur für philosophische Grundlagen der Psychiatrie und Psychotherapie innehat, kommt Parks seiner Wunschdebatte etwas näher. Mit ihm kann er über die Metaphorik philosophieren, wenn Neurologen von Codieren, Speichern und Programmieren sprechen und mit diesen Analogien von Hirn und Computer falsche Vorstellungen nähren, nämlich den Eindruck erwecken, man wisse, was sich im Kopf abspielt. Doch unser Hirn ist kein Computer. Und ein Computer hat kein Bewusstsein, nicht einmal Botenstoffe. Fuchs: „Sie werden niemals Gedanken und Wahrnehmungen im Gehirn finden, höchstens die neuronalen Vorgänge, die sie unterstützen.“

Manchmal ist Parks ausschweifend und verwirrend, manchmal zu romantisch (wenn er von seiner neuen Partnerin erzählt), manchmal ist er auf dem Holzweg (etwa wenn er Gedächtnisforschung mit Fragen nach dem Bewusstsein torpediert) – und doch ist dieses Buch, gerade weil es so divers ist und so bunt, ein Gewinn. Parks formuliert als Schriftsteller Fragen an die Wissenschaft, die man nicht mehr vergessen wird.

Tim Parks: Bin ich mein Gehirn? Dem Bewusstsein auf der Spur. Aus dem Englischen von Ulrike Becker. Kunstmann, München 2021, 304 S., € 25,–

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