Der Kern des Menschseins

Was ist das Bewusstsein, und wie ist es entstanden? Zwei renommierte Hirnforscher widmen sich in ihren Büchern diesem komplexen Phänomen.

Joseph LeDoux hat sich viel vorgenommen: Der US-amerikanische Psychologe und Neurowissenschaftler resümiert vier Milliarden Jahre Leben auf der Suche nach dem Platz, den der Mensch darin einnimmt. Er möchte wissen: Wann und wie hat Verhalten angefangen? Wodurch unterscheidet sich der Mensch von allen anderen Lebewesen? Wie wurden wir also zu dem, was wir heute sind?

Der 72-Jährige lehrt am Center for Neural Science an der New York University und ist bekannt geworden durch seine Forschung zur Neuropsychologie der Angst – und durch seinen Bestseller Das Netz der Gefühle. Wie Emotionen entstehen, der hierzulande 1998 erschien. LeDoux zeigte, wie die Erforschung des Gehirns helfen kann, Emotionen zu ergründen.

In seinem neuen Buch Bewusstsein. Die ersten vier Milliarden Jahre startet er bei den präbiotischen chemischen Bedingungen der Erde, die die Biologie und damit das Leben überhaupt erst möglich machten. Weshalb gräbt er so tief in der Historie?

Verhalten nicht primär ein mentales Werkzeug

Entgegen einer häufigen Annahme, schreibt er, sei Verhalten nicht primär ein mentales Werkzeug. Es könne zwar die Absichten, Wünsche und Ängste des bewussten, denkenden Menschen widerspiegeln. Doch eigentlich sei es ein Überlebenswerkzeug: „Verhalten an das mentale Leben zu knüpfen ist, wie das mentale Leben selbst, ein nachträglicher Einfall der Evolution.“

In die erste Hälfte seines Buchs lässt LeDoux das Spezialwissen von mehr als 25 Wissenschaftlerinnen und Experten einfließen, mit denen er gesprochen hat. Er diskutiert Theorien, zeigt verschiedene Annahmen auf, wenn es um Lücken in der Wissenschaft geht (Gab es zuerst die Rippenquallen oder Schwämme?), und reichert seine gründ­lichen Erläuterungen mit Illustrationen an.

Dann pirscht er sich in der Mitte des Buchs in dem Teil Der Beginn der Kognition an seine Theorie über die Entstehung des Bewusstseins heran. Er begibt sich tief in die Sphären des Forschungsdiskurses und postuliert: „Entgegen der konventionellen Annahme, dass Verhaltensflexibilität durch die Evolution der Gefühle möglich wurde, lautet also meine These, dass der relevante Faktor die Evolution einer neuen kognitiven Fähigkeit war – und zwar eine neue Anwendung der Fähigkeit, interne Repräsentationen zu bilden. Das würde bedeuten, dass bei der Entfaltung des Stammbaums des Lebens Emotionen womöglich erst nach der Kognition aufkamen.“

Aufklärung über fehlerhafte Dogmen

Die Ergründung des Bewusstseins ist ein lebhaftes und kontroverses Forschungsfeld, das reich an Theorien und Ansätzen ist. LeDoux entwickelt vor diesem Hintergrund seine Theorie höherer Ordnung des emotionalen Bewusstseins. An dieser Stelle wird seine Darlegung sehr spezifisch, und die Lesenden müssen mit Erläuterungen wie folgender zurechtkommen: „Dorsal und ventral laterale präfron­tale Cortex-Regionen erhalten auch Input aus der multimodalen Konvergenzzone in den neokortikalen Parietal- und Temporallappen.“

Für Psychologinnen und Therapeuten könnte das Kapitel Der unsichere Boden der emotionalen Semantik aufschlussreich sein. Darin diskutiert Joseph LeDoux einen inkonsistenten ­Gebrauch von Begriffen innerhalb der Wissenschaft. Der Begriff „Angst“ werde beispielsweise häufig mit einer verwirrenden Anzahl an Referenzen und innerhalb unterschiedlicher konzeptueller Ebenen verwendet. LeDoux klärt über populäre, aber aus seiner Sicht fehlerhafte Dogmen auf wie das Amygdala-Angstzentrum-Modell oder den Anthropomorphismus in der Wissenschaft, also die Neigung, den anderen Arten menschliche Eigenschaften zuzuschreiben.

Der Neurowissenschaftler Antonio Damasio blickt in Wie wir denken, wie wir fühlen. Die Ursprünge unseres Bewusstseins schreibend auf seine Forscherkarriere zurück. Er ist Professor für Neurowissenschaften, Psychologie und Philosophie an der University of Southern California.

Damasio hat vor allem ein Anliegen: Er möchte die Ideen präsentieren, die ihm am wichtigsten sind. In der Vergangenheit nämlich seien seine zentralen Befunde über das Bewusstsein untergegangen. Das hätten ihm zahlreiche Gespräche mit seiner Leserschaft gezeigt, so schreibt er.

Eine Art Gedankenspaziergang voller sprachlicher Schönheit

Der heute 78-Jährige läutete zum Jahrtausendwechsel durch sein Buch Ich fühle, also bin ich die emotionale Wende ein, indem er die Intelligenz unserer Gefühle in den Fokus rückte. Laut Damasio kann der Geist bewusst werden, wenn Gefühl existiert und das Sub­jekt identifiziert wurde.

Leider hat Damasio die Ideen, die bei der Rezeption bislang übersehen worden seien, nicht klar benannt, das wäre interessant gewesen. Wie wir denken, wie wir fühlen ist eher eine Art Gedankenspaziergang, der zwar reich an sprachlicher Schönheit ist, sich jedoch mitunter auch im Nebulösen verfängt: „Der Bewusstseinsprozess nimmt das Leben in einem Organismus, wie es sich in mentalen Begriffen ausdrückt, und lokalisiert es in seinen eigenen physischen Grenzen. Geist und Körper enthalten das gemeinsame Besitzrecht an dieser Anordnung einschließlich des notariellen Titels und sie feiern erbarmungslos ihr Schicksal, ob gut oder schlecht, bis sie schließlich einschlafen.“

Wir seien fühlende Wesen, die denken, schreibt Damasio, und denkende Wesen, die fühlen. Eine faszinierende Wechselbeziehung, welche die Wissenschaft noch lange auf Trab halten wird.

Literatur

Antonio Damasio: Wie wir denken, wie wir fühlen. Die Ursprünge unseres Bewusstseins. Aus dem Englischen von Sebastian Vogel. Carl Hanser, München 2021, 192 S., € 22,–.

Joseph LeDoux: Bewusstsein. Die ersten vier Milliarden Jahre. Aus dem Englischen von Elsbeth Ranke und Sabine Reinhardus. Klett-Cotta, Stuttgart 2021, 464 S., € 28,–.

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 4/2022: Das Leben leicht machen
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