Was sehen Sie hier, Ulrike von Stenglin?

Angelehnt an den projektiven Test TAT zeigen wir prominenten Menschen jeden Monat ein Bild und bitten sie, die Szene zu deuten.

Das Gemälde zeigt einen aufgebrachten Mann, der von einer Frau beschwichtigt wird
Was sehen Sie in dieser Szene, Ulrike von Stenglin? © Andrea Ventura

„Sprich doch bitte mit mir, geh nicht weg.“ Die Frau, seine Frau, folgt ihm in die Küche. Sie haben gestritten, banal eigentlich, aber dann hat sie es gesagt, obwohl sie weiß, dass es diese Situation herbeiführt: „Dann geh doch.“ Sie streiten viel – darüber, was im Haushalt liegenbleibt, über Ansichten zu Migration und Rassismus, über Alltägliches, Unwichtiges. Und immer wieder kommen sie an diesen Punkt, sie spricht diesen Satz und er wendet sich ab und geht. Auch dieses Mal wird sie ihm hinterherlaufen, bereits von Reue überwältigt, wird ihn fest umfangen, ihn dazu zwingen, sich nicht zu entziehen. Zumeist aber folgt darauf das große Schweigen, tagelang kann es dauern. Sie fürchtet es jetzt bereits.

Was könnte Ihre Bildbeschreibung mit Ihnen persönlich zu tun haben?

Wer sich dazu entscheidet, eine lange Beziehung einzugehen, kennt vermutlich Situationen wie diese. Ich denke, in jeder langfristigen Verbindung, sei es eine Freundschaft, eine Partnerschaft mit oder ohne Kinder, eine Geschwisterbeziehung, gibt es Phasen, in denen sich die beiden nicht verstehen. Eine hat die andere verletzt, sie sind sich fremd geworden, sie können sich Äußerungen schwer verzeihen. Ich erlebe die Pandemie auch als soziale Krise, enge Beziehungen sind besonders auf die Probe gestellt. Entweder weil die Personen sich kaum noch aus dem Weg gehen können, wenn man in der Familie zu Hause aufeinanderhockt. Oder weil sich Meinungen verschärft haben, Lager sich unversöhnlich gegenüberstehen. Die Konflikte eskalieren, gerade weil es zu viel oder zu wenig Begegnung gibt. Das große Schweigen als Antwort darauf ist sicher das Muster, das ich am meisten fürchte. In Gesprächen in meinem Umfeld fällt immer wieder der Satz: Immerhin bin ich noch verheiratet, immerhin sind wir noch zusammen, immerhin sind wir noch befreundet, reden noch miteinander. Ich würde „immerhin“ durch „zum Glück“ ersetzen, denn am Ende ist das alles, was wir haben.

Ulrike von Stenglin ist Verlagsleiterin von hanserblau in Berlin.

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 7/2021: Sich von Schuldgefühlen befreien
Psychologie Heute Compact 66: Meine Wohnung und ich
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