Frau, allein

​Malin Lindroth, seit 30 Jahren Single, erzählt von der verzweifelten Suche nach einem Partner und wie sie es geschafft hat, das Alleinsein anzunehmen.

Es gibt ein Foto von Malin Lindroth, auf dem sie in einem geblümten Vintage-Sessel sitzt, lässig auf eine Armlehne gestützt, ein bisschen trotzig, die legendären blauen Doc-Martens-Stiefel an den Füßen, frecher Kurzhaarschnitt, schwarz gekleidet. Ein sehr cooles Foto. Sieht so eine alte Jungfer aus? Niemals, möchte man hinausposaunen. Ist an dieser Frau nicht doch etwas zu erkennen, was Männer abstoßen könnte? Was für eine abscheuliche Frage. Eigentlich. Doch wenn man das Buch Ungebunden gelesen hat, steht sie im Raum, groß wie der berüchtigte rosa Elefant, an den man nicht denken soll. Die Frage steht da, weil Lindroth sie selbst unverblümt ins Zentrum stellt: Was stimmt mit mir nicht? Und an anderer Stelle: Bin ich hässlich? Warum lebe ich ein Leben als alte Jungfer?

Das Foto wird zu den zahlreichen Interviews abgedruckt, die die Schwedin derzeit gibt, denn ihr schmales Bändchen, eher ein Essay als ein Sachbuch, macht bei vielen Frauen die Runde und sorgt für Gesprächsstoff. Das ist nicht verwunderlich, denn Lindroth schreibt mutig, ehrlich und überraschend. Es ist ein Frauenbeziehungsbuch der anderen Art, weit entfernt von einem Ratgeber und schon gar kein Singlebuch in unserer modernen Singlegesellschaft, in der das Alleinleben zum Narrativ des Selbstbestimmten gehört, des Erfolgs und zu einem Leben voller Chancen.

Malin Lindroth sucht den Befreiungs­schlag, sie will sich und ihren Leserinnen eingestehen: So habe ich mir mein Leben nicht vorgestellt.

Anschaulich beschreibt sie ihre jahrzehntelange glücklose Suche nach ei-ner Liebesbeziehung und die damit ­verbundenen leidvollen Erfahrungen. Nachdem sie als Zwanzigjährige verlobt war und „mit einem Schrank voller Küchengeräte“ lebte, hat sie diesen Mann wieder verlassen, in der Vorstellung, dass es für sie noch andere, passendere Männer gebe. 15-mal hat sie sich im Lauf der Jahrzehnte wieder verliebt – und 15 Männer sagten nein. „Ich habe nie nein gesagt. Diese Gelegenheit bot sich nie.“

„Nun bist du eh unsichtbar

Die Männer sagten sehr wohl ja zu einer Freundschaft, ließen sich zum Essen begleiten oder zum Anzugkaufen, ließen sich bei Liebeskummer beraten oder ihre Manuskripte verbessern, doch keiner erwiderte ihre Liebe. „In meiner Erinnerung steht da ein Chor, ein ganzer verdammter Männerchor und singt fünfzehnstimmig dieselbe Totenmesse… Du nicht. Du nicht. Du nicht.“ Lindroth, die Psychologie und Philosophie studierte und als Autorin, Dramaturgin und Kulturjournalistin tätig ist, findet Worte dafür, wie unerträglich das ist, da wir doch in einer Gesellschaft aufwachsen, in der es ein Naturgesetz gibt, ein Versprechen, das lautet: „Es gibt für jeden einen passenden Partner. Alle bewegen sich in einer großen Choreografie aufeinander zu. Noch kannst du es nicht sehen. Aber irgendwo in der Welt gibt es den Mann, der von seinem Platz aufgestanden ist und sich auf dich zubewegt, genau wie du dich auf ihn. Wenn du eines Tages vor ihm stehst, wirst du ihn erkennen.“

Fast atemlos folgen wir ihr, wie sie sich mit 30, mit 40 und mit 50 ohne Partnerschaft fühlte. Jetzt ist sie 55 und die Freundinnen sagen: Nun bist du eh unsichtbar. Doch Malin Lindroth jammert nicht, sie stellt sich auch nicht als Opfer dar. Souverän flicht sie in ihre Erlebnisse einen historischen Abriss über die gesellschaftlichen Stellungen alleinlebender Frauen ein, durchleuchtet feministische Positionen, schaut sich dating shows an und probiert Tinder aus – und schließt endlich Frieden mit dem Alleinsein.

Warum Lindroth den Mut, sich zu öffnen, mit dem Bild der alten Jungfer aufrüstet, kann man frech und selbstbewusst finden, es kann auch abschrecken. Sie verkündet, dass sie diese Bezeichnung befreien will vom verschrobenen Image, von der Diskriminierung als „Unfickbare“. Sie will den Begriff für sich zurückerobern und mit ihm ihre Lebenswahrheit benennen: „Nein, ich bin nicht poly-, auch nicht pan- oder demisexuell. Nicht asexuell. Nicht postmodern. Ich bin bloß eine alte Jungfer.“ Zack, das sitzt und wirkt doch etwas bockig. Vielleicht ist es aber auch einfach ihr journalistisches Talent, zuzuspitzen, ihre Lust, uns Frauen streitbaren Input zu geben, wenn wir über unsere Beziehungen nachdenken. So oder so, Lindroth ist ein außergewöhnlich couragierter Beitrag zur Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit gelungen – und zur Trauer, wenn sie nicht erfüllt wird.

Malin Lindroth: Ungebunden. Das Leben als alte Jungfer. Aus dem Schwedischen von Regine Elsässer. Piper, München 2020, 112 S., € 12,–

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 8/2021: Sich wieder nah sein
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