Sagen Sie mal, Frau Plaßmann: Warum ist es in Ordnung, sexlos zu leben?

Warum es okay ist, sexuell abstinent zu sein, erklärt Sexualtherapeutin Anica Plaßmann im Interview.

Die Illustration zeigt die promovierte Pädagogin und Autorin Anica Plaßmann.
Porträt Anica Plaßman © Jan Rieckhoff

„Geht es um sexuelle Vorlieben, toleriert unsere Gesellschaft inzwischen eine große Bandbreite. Sexfreiheit gehört seltsamerweise bisher nicht dazu“, schreiben Sie in Ihrem Buch. Warum wird die sexuelle Abstinenz pathologisiert?

Unsere Gesellschaft hat sexuelle Freiheiten hart erkämpft, insbesondere wir Frauen. Wir sind nicht mehr bloße Erfüllungsgehilfinnen männlicher Lust, uns wird eigene Lust zugestanden. Gleiches gilt für unsere Grenzen. Vergewaltigung in der Ehe ist inzwischen verboten. Das Nein ist theoretisch akzeptiert. Nur schaut das in der Praxis oft komplizierter aus.

Das Neinsagen bringt Streit, Vorwürfe, Schuldgefühle wie auch die Sorge vor Betrug und Trennung. Und ein aktives Sexleben ist mittlerweile wichtig für den Selbstwert. Wir haben ganze Wirtschaftszweige, die uns Erektionshilfen, Mode, Kosmetik, Datinggelegenheiten, im Grunde alles rund um Sexyness und Sex anbieten. All das führt uns vor Augen: So ist es erstrebenswert, so sollte es sein.

Welche Folgen hat „Gnadensex“, also Sex, auf den man sich seinem Partner oder seiner Partnerin zuliebe einlässt, für die Beziehung?

Häufig etablieren sich Drängeldynamiken. Der begehrende Part nervt so lange, bis nachgegeben wird. Er fühlt sich dennoch als „Bettler“ und sein Partner als „Verfolgter“. Das nehmen leider auch Kinder solcher Paare wahr.

Zu häufiger Gnadensex provoziert Missverständnisse, dass der Sex von beiden so (oft) gewollt ist. Er kann das Gleichgewicht der Partnerschaft empfindlich stören, da einer eine Dreingabe gewährt und der andere – zum Teil unwissend – übermäßig nimmt. Man kann sich mit unkommentiert schlechtem Sex, ganz besonders mit schmerzhaftem Sex im Nu die Bereitschaft dazu austreiben.

Was schlagen Sie Paaren vor, die ungleiche Bedürfnisse im Hinblick auf die Häufigkeit des sexuellen Kontakts haben?

Ich votiere dafür, vielleicht mal über einen Tauschhandel nachzudenken: Käme für mich infrage, einen freundlichen Handjob zu geben, wenn dafür die Bügelwäsche erledigt wird? Oder sich mal zu verschenken, wenn einem danach ist? Denn ein Geschenk ist freiwillig, um dem Beschenkten eine Freude zu machen, wenn man in der Laune dazu ist. Und nur dann.

Die häufigste „sexuelle Störung“ bei Frauen stellt das mangelnde Interesse an Sex dar – „Störung der sexuellen Appetenz“. Könnte das vielleicht eine ­Reaktion darauf sein, dass die Art von Sex, die es wert ist, gewollt zu werden – sex worth wanting nennt das die amerikanische Sexualtherapeutin Peggy Kleinplatz –, so rar ist?

Das kann es. Im Vergleich zu den Männern sind wir Frauen und alle übrigen historisch gesehen ja noch nicht so lange als Subjekte auf dem sexuellen Parkett anerkannt. Entsprechend wurden wir als Zielgruppe für sexuelle Reize noch nicht in gleichem Maße berücksichtigt. Während etwa noch in den 1990er Jahren Dildos und Vibratoren für die rein vaginale Versorgung fleisch­farben, rot oder schwarz waren, sprechen die aktuellen Umsatzzahlen ihrer bonbonfarbigen Nachfolger, welche die klitorale Stimulation berücksichtigen, eine deutliche Sprache.

Oder um ein anderes Beispiel zu nennen: In den Swinger-Clubs wundern sich Betreiber immer noch darüber, wie wenig Aufmerksamkeit manch männlicher Hetero seiner Unterwäsche schenkt, was von den Damen immer wieder beanstandet wird. Als Mann das sexuelle Interesse einer Frau zu wecken erscheint vielen als Buch mit sieben Siegeln.

Anica Plaßmann ist promovierte Pädagogin mit einer eigenen Praxis für Paar- und Sexualtherapie.

Anica Plaßmanns BuchSexfrei. Weil es okay ist, keine Lust zu haben ist bei ­Knaur erschienen (320 S., € 16,99)

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 9/2021: Erfüllter leben
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