Was willst du, Baby?

Eigentlich haben alle gesunden Menschen von Natur aus die Fähigkeit, intuitiv richtig mit einem Säugling umzugehen. Trotzdem finden Eltern und Kind manchmal nicht gleich zueinander. Was tun, wenn das Baby nicht aufhört zu schreien, schlecht schläft oder nicht isst? Ein Besuch in der Sprechstunde für Eltern mit Säuglingen und Kleinkindern in Heidelberg

Was willst du, Baby?

Eigentlich haben alle gesunden Menschen von Natur aus die Fähigkeit, intuitiv richtig mit einem Säugling umzugehen. Trotzdem finden Eltern und Kind manchmal nicht gleich zueinander. Was tun, wenn das Baby nicht aufhört zu schreien, schlecht schläft oder nicht isst? Ein Besuch in der Sprechstunde für Eltern mit Säuglingen und Kleinkindern in Heidelberg

Mitten im Leben, zwischen den Geschäften des Alltags im Zentrum Heidelbergs gelegen, wirkt der Altbau wie ein gutbürgerliches Wohnhaus. Einzig ein schmuckloses Schild deutet darauf hin, dass das Krankenhaus, dessen Hauptgelände hinter der Häuserreihe beginnt, näher ist, als es auf den ersten Blick scheint. „Psychosomatische Klinik“ steht dort und: „Institut für Psychosomatische Kooperationsforschung und Familientherapie“. Für die meisten Besucher aber zählt nur das Klingelschild mit der Aufschrift „Ambulanz“. Die nüchterne Bezeichnung ist so gewollt wie der zurückhaltende Auftritt: Wer hier zum Termin erscheint, braucht Ruhe. Er sucht einen Frieden, der zu Hause längst nicht mehr herrscht.

„Eltern, die zu uns kommen, sind wirklich in der Krise“, sagt Manfred Cierpka, der Ärztliche Direktor des Instituts. Sein Besprechungszimmer im ersten Stock ist wie die Behandlungsräume im Erdgeschoss hell gestrichen und luftig möbliert – Orte zum Durchatmen. Die etwa 240 Familien, die laut Cierpka pro Jahr herkommen, leiden unter den Folgen dessen, was Experten als „Regulationsstörungen“ bezeichnen (siehe Interview Seite 72). Manche der Kinder lassen sich nicht beruhigen und schreien, schreien, schreien. Andere schlafen schlecht, verweigern Essen oder sträuben sich gegen alles, was die Eltern ihnen anbieten. Solche Krisen sind in Maßen Teil jeder normalen Entwicklung. Doch wenn sie anhalten, treiben sie die Betroffenen oft in die Verzweiflung.

Nina H. ist an diesem Morgen mit Finn, viereinhalb Monate, zum Gespräch mit Ambulanzleiterin Kerstin Scholtes gekommen. Die 27-Jährige trägt Turnschuhe, Jeans und die blonden Haare modisch kurz. Sie wirkt selbstbewusst, zufrieden. Ihr Sohn lächelt die Therapeutin an. Doch beide sind weit entfernt davon, glücklich zu sein, erzählt Nina mit belegter Stimme, während Finn sich auf der Decke zu ihren Füßen glucksend zu drehen versucht. Der Kleine schlafe nur kurz, mal eine Stunde, anderthalb, dann wieder nur eine halbe, sagt die Mutter. Ihr Freund verbringe die Nächte auf der Couch, damit er ausgeruht zur Arbeit gehen kann. Manchmal, wenn Finn nachts wach wird, fahre sie ihn richtig an, weil sie nicht mehr kann, sagt sie. „Ich halte das einfach nicht mehr aus.“ Andere Mütter fühlen sich so der Situation ausgeliefert, dass sie beginnen, ihr Kind zeitweise zu hassen.

„Viele Eltern fühlen sich unter Terror“, sagt Manfred Cierpka. Zur Illustration deutet er auf einen Cartoon, den er auch gerne in seine Vorträge einbaut. Die Zeichnung zeigt ein Paar in Bademänteln und Hausschuhen, mit Augenringen und wirrem Haar, das ein schreiendes Baby über den Tresen einer Polizeiwache reicht. „Wir haben den Verdacht, dass unsere Tochter einer terroristischen Vereinigung angehört“, steht in der Sprechblase darüber. „Wunderbar, wie hier diese Hilflosigkeit gezeigt wird“, sagt Cierpka mit der Gelassenheit eines Therapeuten, der schon sehr vielen Familien geholfen hat. Er findet das Bild auch deshalb so passend, weil er sich und seine Mitarbeiter als eine Art Schutzleute versteht, die für das Kind da sind, ihm ein Sprachrohr geben, aber auch den Eltern beistehen in einer häufig als fast unerträglich einsam empfundenen Situation. Oft würden er und seine Kollegen als Großeltern im besten Sinn wahrgenommen, sagt Cierpka. „Als jemand, bei dem man sich ausweinen kann, der einen hält und der einem aus seinem Schatz des Wissens ein paar kluge Sachen sagt.“

Exzessives Schreien und Schlafstörungen

Bei Cierpka passt das, er ist 65 und ergraut, doch auch Kerstin Scholtes wird in den Patientengesprächen trotz ihrer 40 Jahre und der braunen Haare zur Oma von Erwachsenen, die teils kaum jünger sind als sie. Beiden gemein sind zudem die sanfte Art zu sprechen und die Gleichmäßigkeit der Bewegungen, die sie auch beibehalten, wenn die Eltern vor ihnen immer hektischer werden oder ein Baby markerschütternd schreit. Trotz innerer Unruhe weiter ruhig zu wirken habe sie erst lernen müssen, sagt Kerstin Scholtes. Wider die menschliche Natur – „denn das Schreien macht ja körperlich etwas mit einem“.

An diesem Morgen rüttelt Finn immer wieder an ihrer Fassade. Eben noch friedlich, windet er sich jetzt schreiend in den Armen der Mutter. Sein Klagen ist laut, durchdringend und schwer auszuhalten, doch Scholtes verzieht keine Miene, während Nina alles Mögliche versucht, um den Kleinen zum Schweigen zu bringen. Sie wiegt ihn hin und her, läuft auf und ab, klopft leicht auf seinen Po, streichelt ihm den Rücken und spricht leise auf ihn ein. Es dauert länger als sechs Minuten, bis es wieder stiller wird im Raum. Ganz beruhigen kann sich Finn auch bis zum Ende des Termins eine halbe Stunde später nicht.

Exzessives Schreien ist der zweithäufigste Grund für eine Anmeldung, sagt Kerstin Scholtes. Nina und Finn aber seien noch typischer: Sie sind wegen Ein- und Durchschlafschwierigkeiten gekommen. Um herauszubekommen, warum gerade sie diese Probleme haben, erfragt die Therapeutin unter anderem die soziale Situation der Familie, Belastungen beruflicher Art, wie die Eltern ihre eigene Kindheit erlebt haben und ob psychische Beeinträchtigungen vorliegen. All das kann zu der „fehlenden Passung“ mit dem Baby beitragen, genau wie dessen Temperament. „Viele dieser Kinder sind besonders irritabel und reizsuchend, sie lassen sich leicht ablenken“, erklärt Manfred Cierpka. „Der war von Anfang an so – wach“, sagt Nina über Finn. Sie seufzt, als sie von einer Freundin erzählt, die mit ihrem Baby keine Probleme zu haben scheint, genau wie die Frauen aus dem Geburtsvorbereitungskurs. „Ich habe mir das leichter vorgestellt.“

Als die Therapeuten später am Vormittag weitere Fälle aus der Sprechstunde diskutieren, zeigt sich: Wohl alle Eltern, die herkommen, haben sich das Leben mit Kind leichter vorgestellt – wie vermutlich auch ein Großteil jener, die keine Beratung in Anspruch nehmen. Nicht jeder bewältigt die Umstellung vom Paar- zum Elternsein gleich gut, das ist nichts Neues. Doch die Unsicherheit im Umgang mit dem eigenen Nachwuchs scheint größer zu sein als je zuvor, meint Manfred Cierpka. Studien beziffern den Anteil der Familien, bei denen eine Störung der Beziehung zum Säugling oder Kleinkind auftritt, auf 5 bis 20 Prozent. Der Bedarf sei in jedem Fall gestiegen, „auch weil das Thema immer mehr in den Medien ist und als Problem erkannt wird – von den Eltern selbst und auch von den Kinderärzten und Hebammen“. Als die Ambulanz 1999 eröffnet wurde, war das noch anders.

Obwohl die erste deutsche Sprechstunde für Schreibabys und ihre Eltern schon 1991 von Mechthild Papoušek in München ins Leben gerufen worden war, stieß Cierpkas Vorstoß einer ähnlichen Einrichtung auf große Skepsis, erinnert sich der 65-Jährige. „Das war am Rande der Disqualifikation als Arzt.“ Heute gibt es in Deutschland mehrere Hundert solcher Beratungsstellen. In Heidelberg sind es häufig Eltern aus der Mittel- und Oberschicht, die sich auf Hinweis ihres Kinderarztes melden oder selbst von dem Angebot gehört haben. Der Anruf steht am Ende einer meist sehr langen Reihe von Versuchen, des Problems selbst Herr zu werden.

Informationsseiten für die frühe Kindheit gibt es im Internet zuhauf, in allerlei Foren erzählen Betroffene von ihren Erfahrungen. Allein um Eltern, deren schreiendes Kind sich nicht gleich beruhigen lässt, hat sich ein florierender Markt gebildet: von sich teils widersprechenden Ratgebern über besondere Tragegurte, wippende Sitze und angeblich beruhigende Audio-Aufnahmen zu speziellen Apps. „Dabei brauchen Kinder in den ersten Monaten nichts anderes als Ansprache und gar nicht viele Gegenstände und Stimulation“, sagt Ambulanzleiterin Scholtes.

Föhn, Waschmaschine, Auto zur Beruhigung

Nina nimmt manchmal den brummenden Föhn zur Hilfe, wenn sie ihren Sohn beruhigen möchte, andere vertrauen auf die surrende Waschmaschine, die Dunstabzugshaube, fahren mit dem Auto um den Block oder tragen das Baby im Rucksack umher. Finn lässt sich immer kurz ablenken, doch dauerhaft beruhigen kann ihn nichts, sagt Nina. Sie wippt mit den Beinen, während sich der Junge immer stärker auf ihrem Schoß bewegt. „Ist für Sie zu erkennen, wann Finn müde ist?“, fragt die Therapeutin. „Ich gucke auf die Uhr“, sagt Nina. „Meistens anderthalb, zwei Stunden, nachdem er wach wurde. Manchmal fängt er an zu gähnen oder reibt sich die Augen.“ Was sie nicht erkennt, sind frühe Signale der Ermüdung, die Finn aussendet, erklärt ihr Kerstin Scholtes später: Er wird unruhiger, wendet den Blick ab, führt die Hände kurz über dem Bauch zusammen oder streicht der Mutter wiederholt mit den Fingern am Hals entlang – alles Bemühungen, sich zu beruhigen, wenn ihn die Eindrücke übermannen.

Auf diese sogenannten Feinzeichen muss Nina reagieren. Erst zu handeln, wenn Finn gähnt, sei zu spät, sagt Scholtes. Ihn dann abzulenken, stimuliere ihn nur weiter und halte den eigentlich zu senkenden Erregungslevel hoch. Nina nickt und gibt zu, dass sie sich bisweilen in die Irre geführt fühlt. Sie spüre manchmal Finns Erschöpfung, aber wenn sie ihn hinlegen wolle, lächle er und wirke wach – obwohl er tatsächlich Ruhe braucht, wie die Therapeutin ihr noch mal versichert. „Bleiben Sie dabei, das ist wichtig“, sagt Kerstin Scholtes. „Sie wissen es besser als er.“

Sich vertrauen. Auf sich hören. Eigene Möglichkeiten nutzen, statt scheinbar allgemeingültige Regeln zu befolgen. Dass manchen Eltern das schwerfällt, liegt für Scholtes und Cierpka auch am gestiegenen Anspruchsdenken und wachsendem Druck. „Der Konkurrenzkampf beginnt früh“, sagt Cierpka. „Schon in den Müttergruppen wird geguckt, dass das eigene Kind die gleichen Startbedingungen hat wie die anderen, damit es nicht gleich herausfällt.“ Es werde viel verplant, sagt Scholtes. Die Sorge sei groß, dem Kind zu schaden, „wenn wir jetzt nicht Musikgarten, PEKiP, Babymassage und einen frühen Englischkurs machen“. Wo Halt finden bei der Unsicherheit? Es gibt immer weniger Geschwister, die schon Nachwuchs haben und Eltern beim ersten Kind Orientierung bieten, sagt Cierpka. Und die eigenen Eltern, die eine Stütze sein könnten, wohnten durch die heutige Arbeitswelt häufig nicht im selben Ort oder verwirklichten spät eigene Lebensträume.

Konflikte zur Sprache bringen ist erwünscht

Nina erhofft sich vor allem von ihrem Partner mehr. Bis zum nächsten Termin in ein paar Wochen sollen sie und Finn nicht nur versuchen, ihr Ruheritual zu finden, sondern auch Finns Vater mitbringen, der an diesem Morgen arbeiten musste. Ob er tatsächlich kommen wird, vermag Nina nicht zu sagen. Sie fühlt sich nicht genügend unterstützt, will darüber aber auch „nicht mehr“ mit ihm diskutieren. „Haben Sie ein bisschen resigniert?“, fragt Kerstin Scholtes. „Schon“, sagt Nina und zuckt mit den Schultern.

Die Therapeuten wollen beide Elternteile kennenlernen, um sich ein vollständiges Bild von der Familie machen zu können, von Spannungen, die möglicherweise auf das Baby wirken, aber auch von potentiellen Entlastungen durch den Partner. Konflikte zur Sprache bringen ist ausdrücklich erwünscht. „Viele Eltern erschreckt die Erkenntnis, dass nicht alles nur schön ist, sondern dass es auch schwierig ist mit Kind“, sagt Kerstin Scholtes. „Ich finde es ganz wertvoll, dass das hier so früh erfasst wird – bevor es sich in Beziehungsmustern verfestigt und 15, 20 Jahre später Thema wird.“

Als sich der Termin nach etwa eineinhalb Stunden dem Ende zuneigt, wirkt Nina erleichtert. „Das war sehr hilfreich“, sagt sie und lächelt. Sie ist froh, dass ihr Gefühl bestätigt wurde, Finn noch nicht an ein eigenes Bett zu gewöhnen, dass er die Nähe zu ihr noch braucht. Aber vor allem freut sie sich, endlich für sie eindeutig stimmige Antworten auf drängende Fragen bekommen zu haben.

Den meisten Eltern geht es so, sagt Manfred Cierpka. Viele benötigten kaum mehr als einen Termin; der Durchschnitt liege bei 1,9. Sie ließen sich beraten, und wenn sie wiederkämen, sei es „wie ein Wunder“: Die Augenringe sind weg, manche Mutter trägt wieder Make-up, Eltern und Kind wirken schwungvoll, „wieder in der Passung“. Nicht nur für die Familie ist das ein Erfolgserlebnis. „Das hier ist die schönste Arbeit als Psychotherapeut überhaupt“, sagt Cierpka. Weil so schnell so viel passiere und weil die Ratsuchenden so offen seien wie zu keinem anderen Zeitpunkt. Die Behandelnden müssten sehr vorsichtig sein, wohlwollend und positiv, aber das werde auch belohnt: „So viel wie hier nehmen die Eltern nie wieder auf – weil sie alle gute Eltern sein wollen.“

Kerstin Scholtes empfindet die Arbeit als fordernd, sagt sie nach dem Termin mit Nina und Finn in die Stille ihres Arbeitszimmers hinein. Aber ihr gefällt die „große Lebendigkeit“ im Umgang mit den sehr unterschiedlichen Eltern und Kindern. Daraus habe sie über die Jahre eine gewisse Gelassenheit mitgenommen und ein Zutrauen in die Ressourcen jeder Familie gewonnen. „Oft ist es in den Beratungen zu Beginn sehr dramatisch, aber das löst sich in den allermeisten Fällen auf.“ Immer wieder überraschend sei, wie die Betroffenen ihr Problem bewältigen. „Das kann auf ganz unterschiedlichen Wegen funktionieren“, sagt die Therapeutin. „Es gibt kein Richtig oder Falsch.“

Nina wird sich später entscheiden, die Hilfe einer Familienhebamme in Anspruch zu nehmen, die mehrmals pro Woche zu ihr nach Hause kommt. Sie habe gemerkt, dass sie im Alltag doch mehr Unterstützung braucht, sagt sie einige Wochen nach ihrem ersten Besuch in der Ambulanz am Telefon. „So passt es besser.“ Finn gluckst in den Hörer. Er ist weiter unruhig, die Probleme sind geblieben. Aber die Familie ist damit heute etwas weniger allein.

„Keine Mutter weiß von Anfang an, was für ihr Kind richtig ist“

Herr Cierpka, welche Familien kommen zu Ihnen?

Unsere Sprechstunde richtet sich an Eltern mit Kindern im Alter von null bis drei Jahren. Am häufigsten kommen sie wegen einer Schlafstörung zwischen dem sechsten und neunten Lebensmonat. Um den zweiten und vierten Monat sind es die exzessiv schreienden Kinder, ab dem zehnten bis zwölften folgen die Fütterstörungen, und Trotzkinder und Bindungsängstliche kommen ab dem ersten Lebensjahr. Das sind alles Regulationsstörungen – die Art der Beeinträchtigung hängt von der Entwicklungsphase ab.

Worum geht es jeweils?

In den ersten Lebensmonaten ist entscheidend, wie gut das Kind seine elementaren Bedürfnisse regulieren kann: Schlaf-Wach-Rhythmus, Essen, Hungern, Sättigkeit, Erregung und Ruhen. Probleme äußern sich im exzessiven Schreien beziehungsweise in der Schwierigkeit der Eltern, das Kind zu beruhigen – denn alle Kinder schreien. Dann geht es ums Einschlafen, Durchschlafen, Aufwachen. Das Kind kann gut zwischen sich, der Mutter und anderen unterscheiden, das Fremdeln beginnt. Das Schlafen wird schwieriger, weil es Trennen bedeutet – und für die Eltern, dem Kind zuzumuten, sich zu trennen. Auch beim Füttern sind oft Autonomie und Kontrolle ein Problem. Beim Übergang vom Stillen oder der Flasche zur Löffelnahrung geht es darum, Essen zu probieren, damit zu spielen, den Löffel zu haben oder nicht, bis hin zum selber Essen. Mit zunehmender Motorik tritt Bindungs- und Trennungsangst auf, weil die Kinder wissen, dass sie jetzt auch weglaufen können. Und das Trotzen hat mit heftigen Emotionen zu tun, Frustration, Wut, Hilflosigkeit, die man bewältigen können muss. Das Kind lernt immer mit den Eltern: Sie müssen ihm durch die schmerzenden Gefühle durchhelfen.

Exzessiv schreiende Kinder werden oft über das Wessel-Kriterium bestimmt: Ein solcher Säugling schreit demnach über mehr als drei Wochen an mehr als drei Tagen pro Woche über drei Stunden am Tag. Richten auch Sie sich nach solchen Kriterien?

Nein. Für uns zählt die subjektive Belastung. Wir haben Eltern, die kommen in der vierten Woche, weil sie fertig sind, bei manchen schreit das Kind nur eine Stunde am Tag. Bei anderen – die sehen wir meist nicht – schreit es sechs Stunden lang, und die stehen das gut durch. Für mich ist maßgebend, ob die Mutter erschöpft ist und das Kind schlecht schläft. Wenn es erste aggressive Fantasien gibt und die Mutter denkt, sie sei keine gute Mutter, ist es ernst.

Was droht schlimmstenfalls?

Mütter, die sich ohnmächtig fühlen und keine Selbstwirksamkeit mehr im Umgang mit dem Kind spüren, fangen an, sich selbst zu schützen, und ziehen sich zurück. Das führt dazu, dass das Baby noch mehr schreit, um die Mutter zu erreichen. So ein Teufelskreis kann schnell eskalieren und die Überforderungssituation zu Misshandlungen beitragen.

Das Kind wird häufig als Aggressor empfunden. Schon die Bezeichnung „Schreibaby“ suggeriert, dass der Säugling das Geschehen steuert.

Beim Trotzen ist es noch massiver: Diese Kinder „tyrannisieren“ und „beschämen“ ihre Eltern, keiner sieht die Not des Kindes. Das ist verheerend – weil beide unglücklich sind. Das Kind, das sich nicht regulieren kann, ist erschöpft, und auch die Eltern, die nicht genügend koregulieren können, sind es. Wir betrachten immer die Beziehung, in den USA zentriert man sich stärker auf das Baby. Mir widerstrebt, ein Kind in dem Alter als Patient zu sehen.

Was begünstigt das Auftreten von Regulationsstörungen?

Zu den Eingangsbedingungen beim Kind gehört ein schwieriges Temperament – wenn es sehr irritabel ist oder ein Frühchen, bei denen oft Fütterprobleme auftreten. Bei den Eltern sind es Erkrankungen wie die postnatale Depression, eine Psychose, Angst- oder Persönlichkeitsstörung. Solche Voraussetzungen können die Beziehung zum Kind überlagern, genau wie Stress oder belastende Faktoren wie Partnerschaftskonflikte ablenken können. Wir arbeiten an beiden Seiten, damit die Passung wieder stimmt.

Wie entwickeln sich Kinder, die man nicht behandelt?

Viele Eltern, die bei der Beruhigung eines schreienden Babys scheitern, kommen wieder, wenn es um Schlafprobleme geht oder noch häufiger um Trotzreaktionen. Diese Entwicklungsschritte lösen wieder heftige Affekte aus, und sie spüren dann erneut, dass sie damit nicht zurechtkommen. Im zweiten und dritten Lebensjahr halten Kinder erstmals willentlich Regeln nicht mehr ein. Da treten erste disziplinarische Probleme und Erziehungsschwierigkeiten auf – und so kann sich das bei einem Teil aufschaukeln. Wir haben in einer Studie festgestellt, dass betroffene Kinder schon nach zwei Jahren signifikant stärker zu aggressivem Verhalten neigen. Jetzt untersuchen wir, ob Regulationsstörungen häufiger in ADHS münden – ich vermute es. Dazu gibt es bislang nur wenig Forschung.

Kontrollierte Untersuchungen zur Wirksamkeit von Angeboten wie Ihrem sind rar. Warum?

Das Feld ist noch neu, das trägt dazu bei. Aber wir haben bei Studien wie jener zur Effektivität, die wir derzeit durchführen, auch ein großes ethisches Problem. Unsere Mitarbeiter machen eine ausführliche Diagnostik mit den Familien, die vom Kinderarzt vermittelt zu uns kommen. Dann wird sozusagen gewürfelt: Entweder sie werden von uns behandelt oder sie werden weiter vom Kinderarzt betreut. Die Kontrollgruppe braucht man, um eine Aussage treffen zu können. Aber wenn die Betroffenen wirklich in Not sind, benötigen auch sie dringend unsere Behandlung.

Wie sichern Sie sonst die Qualität Ihrer Arbeit?

Die mündliche Rückmeldung der Patienten selbst, in unserem Fall der Eltern, ist immer noch die wichtigste, denke ich. Und so viele positive Rückmeldungen wie in diesem Bereich habe ich in anderen Feldern der Psychotherapie nie bekommen.

Was haben Betroffene gemacht, bevor es solche Sprechstunden gab?

Meine Frau und ich hatten mit unseren Kindern auch Durchschlafprobleme, ich kann mich an die Nächte, in denen wir neben dem Bett saßen, noch gut erinnern. Ich wäre sehr dankbar gewesen, wenn mir jemand das gesagt hätte, was wir den Familien heute mitgeben können. Aber man kam irgendwie durch. Mit unserer Arbeit tun wir allerdings nicht nur den Eltern etwas Gutes, wir tragen auch dazu bei, die Gewalthandlungen gegenüber Kindern zu reduzieren. Mir als Gewaltforscher war wichtig, noch vor dem Eintritt in den Kindergarten intervenieren zu können. Durch unser frühes Eingreifen sinkt zudem die Gefahr späterer seelischer Erkrankungen.

Was geben Sie Eltern grundsätzlich mit?

Keine Mutter weiß von Anfang an, was für ihr Kind richtig ist. Das müssen alle in den ersten drei Lebensmonaten herausfinden. Man lernt zu differenzieren, ob das Schreien an der vollen Windel liegt oder am Hunger, und dann kommt immer mehr Sicherheit. Wir versuchen die Eltern in ihren eigenen Kompetenzen zu stärken. Das, was dem eigenen Baby guttut, kann in keinem Ratgeber stehen.

Interview: Eva-Maria Träger

Manfred Cierpka ist Arzt für Psychiatrie, Facharzt für psychotherapeutische Medizin, Psychoanalytiker und Familientherapeut. Seit 1998 ist er Ärztlicher Direktor des Instituts für Psychosomatische Kooperationsforschung und Familientherapie am Universitätsklinikum Heidelberg. Dort entwickelte der Vater von zwei Söhnen unter anderem das Gewaltpräventionsprogramm „Faustlos“ und rief 1999 die Sprechstunde für Eltern mit Säuglingen und Kleinkindern ins Leben.

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