Stille Kinder

Introvertiert zu sein ist ganz normal. Doch manche Eltern sind besorgt, wenn ihre Kinder sich lieber zurückziehen als mit anderen zu spielen. Zu Recht?

Ein introvertiertes Kind lächelt still und alleine vor sich hin
Introvertierte Kinder sind gern mal allein. Das heißt aber nicht, dass sie einsam sind. © Julia Franklin Briggs

Die kleine Joanne war ein ausgesprochen ruhiges Kind. Nach der Schule setzte sie sich lieber in den Garten und las, anstatt mit ihren Freundinnen im Park zu toben. Sie erfand gerne Geschichten und fühlte sich in ihrer Fantasie oft wohler als in der wirklichen Welt. Schon im Alter von sechs Jahren schrieb sie ihre erste Kurzgeschichte mit dem Titel Kaninchen. Mit elf folgte ein Roman über sieben verfluchte Diamanten und deren Besitzer. „Ich lebte für Geschichten und Bücher“, berichtete sie später, „ich war der typische Wald-und-Wiesen-Bücherwurm. Mit Sommersprossen und einer dicken Brille. Ich war sehr introvertiert.“

Noch als Erwachsene lebt Joanne häufig in ihren Fantasiewelten und verbrachte einmal eine ganze Zugfahrt damit, sich eine Geschichte über einen jungen Zauberer auszudenken. „Ich saß einfach da und dachte nach, vier Stunden lang, während all die Details der Geschichte durch mein Gehirn blubberten. Zu meiner größten Frustration hatte ich leider keinen funktionierenden Stift zur Hand und war zu schüchtern, um jemanden zu fragen, ob ich einen leihen dürfte. Aber vielleicht war das eine gute Sache.“

Bestimmt war das eine gute Sache. Denn Joanne Rowling entwarf auf dieser legendären Zugfahrt in ihrem Kopf die Handlung ihres Erfolgsromans Harry Potter – und zwar nicht nur die Geschichte des ersten Bandes, sondern aller sieben Bände. Dabei schöpfte sie aus den Tiefen ihrer Imagination und ihrer Begabung zum Alleinsein – Fähigkeiten, die sie schon von frühester Kindheit an kultiviert hatte. Rowling ist eine selbsternannte Introvertierte, ein Mensch also, der seine Aufmerksamkeit und Energie eher auf sein Innenleben als auf das Außenleben richtet.

Introvertierte Kinder passen nicht so richtig ins Bild

Wie Rowling sind sehr viele Menschen – und damit auch Kinder – introvertiert, geschätzt ein Drittel bis die Hälfte der Bevölkerung. Introvertiert zu sein ist also ganz normal. Dennoch sind viele Eltern irritiert, wenn ihr Kind eher ruhig und zurückgezogen ist. Sie machen sich Sorgen, dass ihr Sohn oder ihre Tochter sich in der Schule oder im Freundeskreis nicht durchsetzen könne. Denn diese Kinder passen nicht so recht zum Bild des Kindes, das in unserer Gesellschaft dominant ist: dass Kinder lebhaft, ungestüm, gesellig, laut und verspielt sein sollten. Introvertierte Kinder hingegen beschäftigen sich gern alleine und in aller Stille in ihren Zimmern. Sie genießen es, in Ruhe Bilder zu malen, Hörspielen zu lauschen, Bücher zu lesen oder stundenlang Lego zu bauen. Lärm und Trubel stoßen sie eher ab, ist es in ihrer Umgebung zu wild, fühlen sie sich schnell gestresst und ziehen sich lieber zurück.

Dabei sind introvertierte Kinder oft sozial sehr unkompliziert, sie passen sich aber nicht ohne weiteres an. Auf fremde Kinder gehen sie nicht sofort zu, sondern beobachten erstmal, bevor sie mit ihnen spielen. Oft haben sie zwar wenige, dafür aber sehr gute Freunde. „Wir genießen die Gesellschaft anderer, haben aber auch gern Zeit für uns alleine“, erklärt die amerikanische Autorin Susan Cain, die früher selbst ein ruhiges Kind war und sich auch heute als introvertiert beschreibt. „Wir können sehr gute soziale Fähigkeiten haben, ziehen uns aber auch gern zurück. Wir sind gute Beobachter. Wir hören lieber zu und reden weniger. Introvertiert zu sein bedeutet, ein Innenleben mit Tiefgang zu haben und dieses Innenleben auch ernst zu nehmen“.

Den vollständigen Beitrag „Stille Kinder“ finden Sie in unserem aktuellen Themenheft der Reihe Psychologie Heute compact: Still und stark: Wie sich sensible und introvertierte Menschen in einer lauten Welt behaupten

Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute Compact 57: Still und stark
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