Immer auf die Eltern

Der falsche Partner, ein langweiliger Job oder eine ganz allgemeine Unzufriedenheit. Viele geben die Schuld für alles ihren Eltern. Was bedeutet das? ​

Die Illustration zeigt den riesigen Kopf eines erwachsenen Sohnes, der grimmig auf seine Eltern schaut, die dabei schuldbewusst zu Boden schauen
Eltern sind eben auch nur Menschen mit Fehlern – und trotzdem nicht für alle Probleme verantwortlich. © Hubert Warter

Es würde unserer Vorstellung von einem normalen Verhalten entsprechen, dass wir die Gesellschaft von Personen suchen, die uns guttun, und Kontakte mit den Menschen meiden, die uns kränken. Aber Erwachsene verhalten sich oft gänzlich anders. Es gibt Menschen, die jedes zweite Wochenende weite Fahrten auf sich nehmen, um Eltern zu besuchen, die sie kränken. Sie weisen Gaben – etwa bares Geld – empört zurück, die sonst erfreut eingesteckt werden. Sie wollen verstanden werden und fühlen sich unverstanden.

Entwertend und voller Klagen über Eltern zu sprechen bedeutet keineswegs, dass die Bindung an sie schwach, die Wünsche an sie zurückgenommen sind. Sie werden nach wie vor gebraucht. Manches an den Äußerungen der erwachsenen Kinder hört sich an, als gehe es um die Rechtfertigung für einen eigenen Mangel an Lebenszufriedenheit oder Zukunftshoffnung. Die Eltern sind etwas schuldig geblieben, was sie hätten geben können, wenn sie nur gewollt hätten, und die Folgen sind schlimm.

Erwachsene Kinder, die Fehler ihrer Eltern beklagen, sprechen heute vor allem über Mängel in der Erziehung. Sie vergleichen ihre Eltern mit dem Bild, das sie von „wirklich guten“ Eltern entworfen haben. Sie überzeugen sich, dass die Probleme, die sie jetzt als Erwachsene haben, mit der Differenz zwischen den realen Eltern und diesem Idealbild zusammenhängen.

Damit sind die Eltern nicht in der Vergangenheit und in der äußeren Welt angesiedelt. Sie halten einen Brückenkopf im Inneren der erwachsenen Kinder und kontrollieren vermeintlich von dort aus das Kind. Diese fiktiv fortbestehende Einflussnahme ruft nach Verteidigungsmaßnahmen. Die Eltern…

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 11/2020: ​Toxische Beziehung
Psychologie Heute Compact 66: Meine Wohnung und ich
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