Familie

Was schulden wir unseren Eltern?

Ein Gespräch mit der Philosophin Barbara Bleisch über die Frage, ob wir unseren Eltern etwas schuldig sind

Sagen Sie mal, Frau Bleisch: Was sind wir unseren Eltern schuldig?

Frau Bleisch, Sie geben in Ihrem Buch eine klare Antwort auf die Frage, was wir unseren Eltern schulden: „Nichts.“ Wie kommen Sie zu dieser radikalen Aussage?

Ich meine natürlich nicht, dass Kinder ihre Eltern respektlos behandeln dürfen, also sie ausnutzen, verraten oder belügen. Respekt schulden wir allen Menschen. Ich komme im Buch aber zum Schluss, dass Kinder ihren Eltern als deren Söhne und Töchter nichts Spezielles schulden. Wenn man sich die Begründungen anschaut, die für eine solche Verpflichtung gegeben werden, überzeugt mich keine abschließend.

Viele Eltern haben zwei Jahrzehnte oder länger für ihren Nachwuchs gesorgt. Haben sie es nicht verdient, dass dieser sich auch um sie kümmert, wenn sie älter oder pflegebedürftig werden?

Kinder großzuziehen ist tatsächlich enorm zeit- und kostenintensiv. Doch Eltern lassen sich in aller Regel aus freiem Willen auf dieses Unterfangen ein. Außerdem ist es einfach ihre Pflicht, sich um ihre Kinder zu kümmern. Kinder haben um ihre Existenz und Pflege nicht gebeten. Von einem Tauschhandel kann also nicht die Rede sein. Wenn Kinder eine glückliche Kindheit hatten, werden sie ihren Eltern vielleicht dankbar sein und sich erkenntlich zeigen wollen – dies aber aus freien Stücken.

Warum hält sich die Idee, dass Kinder ihren Eltern etwas schulden, so hartnäckig?

Niemand will, dass alte Menschen einsam vor sich hin vegetieren. Es scheint das Einfachste, die Kinder hier in die Pflicht zu nehmen. Doch ob es auch am fairsten und klügsten ist, bezweifle ich. Kinder zu kriegen war lange Zeit die Altersvorsorge schlechthin. In einem ausgebauten Sozialstaat ist die Altersvorsorge aber längt anders geregelt. Ich plädiere dafür, die erwachsene Eltern-Kind-Beziehung vom Ballast der Schuldigkeit zu befreien. Beziehungen, in denen sich Menschen aus freien Stücken umeinander bemühen, gelingen besser.

Aus Ihrer Sicht haben wir demnach keine „filialen“ Pflichten, also Pflichten, die wir allein aufgrund des Umstandes haben, dass wir Tochter oder Sohn von jemand sind. Das sehen Gerichte offenbar anders, wenn sie Kinder für Unterhaltszahlungen für pflegebedürftige Eltern zur Kasse bitten.

Ja, die Rechtsprechung stellt in vielen Ländern nach wie vor auf diese Beziehung ab, sowohl was Pflegekosten anbelangt als auch etwa im Erbrecht. Wenn die Grundlage für entsprechende Gesetze eine moralische sein soll, dann möchte ich mit dem Buch zeigen, dass diese nicht trägt.

Sie betonen am Ende Ihres Buches, „dass Kinder ihren Eltern nichts schulden“, schlagen jedoch vor, „dass sie sich aber bemühen sollen, gute Kinder zu sein“. Was meinen Sie damit? Ist das kein Widerspruch?

Nein, es ist eher eine Ergänzung. In der Ethik ging es schon in der Antike stets sowohl um Fragen der Gerechtigkeit – was sind wir wem schuldig? –, als auch um Fragen des guten Lebens: Wie können wir zufrieden leben? Insofern glückliche Familienbande für viele Menschen zu einem gelingenden Leben dazugehören, sollten wir uns bemühen, die Beziehung zu unseren Eltern zu klären und sie so zu gestalten, dass sich alle frei entfalten können. Nicht immer ist dies möglich. Dann kann es besser und richtiger sein, auf Distanz zu gehen.

Barbara Bleisch war bis 2016 über zehn Jahre am Ethik-Zentrum der Universität Zürich tätig und leitete unter anderem die Advanced Studies in Applied Ethics, in denen sie heute noch als Dozentin tätig ist. Derzeit ist die Philosophin akademischer Gast am Collegium Helveticum der Universität Zürich und der ETH Zürich. Sie moderiert außerdem die Sternstunde Philosophie beim Schweizer Fernsehen

Barbara Bleischs Buch Warum wir unseren Eltern nichts schulden ist bei Hanser erschienen (208 S., € 18,–)

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