Können Giraffen hüpfen?

Psychologie nach Zahlen: 6 kontraintuitive Erkenntnisse aus der Psychologie.

Bilder lassen uns akzeptieren, was behauptet wird - auch wenn das Bild gar keinen Hinweis darauf gibt. © Till Hafenbrak

Können Giraffen hüpfen?

6 kontraintuitive Erkenntnisse aus der Psychologie

Wenn Psychologen stolz von ihren neuesten Erkenntnissen berichten, bekommen sie oft zu hören: Das wusste meine Großmutter auch schon. Will heißen: Diese Einsichten sind ja mal so was von trivial! Doch zum einen verfügte die Oma selten über harte Daten, um ihre Gewissheiten zu untermauern. Und zum anderen kommen Psychologen sehr wohl auch zu Befunden, die den Überzeugungen der Großmütter und ihrer Nachfahren widersprechen. Menschen sind komplizierter und verrückter, als sie selbst glauben. Hier ein paar Beispiele:

1 Schlagende Beweisfotos

„Giraffen sind die einzigen Säugetiere, die nicht hüpfen können.“ Stimmt diese Behauptung? Die meisten Befragten haben keinen Schimmer. Aber wenn sie zu dieser zoologischen Feststellung das Foto einer – keineswegs hüpfenden! – Giraffe gezeigt bekommen, erklären sie die Aussage eher für wahr als ohne Abbildung. Interessanterweise verstärkt das Foto auch den Glauben an das Gegenteil – sofern das postuliert wird. Bilder lassen uns offenbar eher akzeptieren, was immer behauptet wird. Das Bild eines Prominenten macht glauben, dass dieser noch lebt – oder tot ist, je nach Vorgabe. Warum nur? Forscher aus Neuseeland um Eryn Newman vermuten: Die Fotos führen dazu, dass wir uns vermeintliche Belege für die vorgelegte Behauptung ausdenken. Giraffen können übrigens hüpfen, sehen aber selten Grund dazu.

2 Sag du, wie ich bin

„Andere kennen ist Weisheit, sich selbst kennen ist Erleuchtung“, lehrte der Philosoph Laozi (Laotse). Wie schwer wir uns mit der Selbsterkenntnis tun, haben Psychologen ein ums andere Mal belegt. In einer schönen Studie fragten sie Studierende, wie gut sie wohl bei der nächsten Prüfung abschneiden würden. Ferner füllten sie einen Fragebogen aus, aufgrund dessen andere Studierende die Note vorhersagen sollten. Anhand von einigen dürren Angaben schafften die das mindestens genauso gut und teilweise besser als die Prüflinge selbst. Denn die Prognosen der Prüflinge waren viel zu stark von dem beeinflusst, was sie erreichen wollten. Die anderen hingegen orientierten sich nicht am Wunschdenken, sondern eher am letzten Prüfungsergebnis – und lagen damit insgesamt besser.

3 Köstlich, dieser Tropfen!

Für angeblich besonders edle Tropfen zahlen sogenannte Weinkenner Unsummen. Und natürlich munden ihnen die 100-Euro-Schlucke vorzüglich – solange sie den Preis kennen. Doch im Blindtest können selbst anerkannte Weingurus Prestigeprovenienzen kaum von Billiggesöffen unterscheiden. So stellte der emeritierte Ozeanografieprofessor und Weinliebhaber Robert Hodgson die Preisrichter des ältesten kommerziellen Weinwettbewerbs der USA auf die Probe, mit dem Chefjuror als Komplizen. Die beiden schmuggelten einige Weine mehrmals in die Verkostung. Häufig kam jedes Mal ein anderes Urteil dabei heraus. Die Preisrichter – Weinbauern, Weinkritiker, Weinprofessoren – gaben dem gleichen Wein aus der gleichen Flasche mal eine Goldmedaille, mal gar keine. Vielleicht noch peinlicher fiel eine andere Studie aus: Bekamen Weinstudenten rotgefärbten Weißwein kredenzt, schmeckte er für sie nach Rotwein.

4 Fiktivathleten leben länger

Sie bewegen sich kaum und verbringen Ihre Tage vor dem Fernseher? Sie sind sportlich! Jedenfalls täten Sie gut daran, das zu glauben. Octavia Zahrt und Alia Crum von der Stanford University haben Daten von drei großen US-Studien mit zusammen 61 000 Teilnehmern ausgewertet. In jeder davon lebten die Leute kürzer, die sich selbst sportliche Trägheit bescheinigten. Der Clou dabei: Die tatsächliche sportliche Aktivität rechneten die Forscher heraus. Allein die Einbildung, sportlich zu sein, steigerte die Lebenserwartung. Warum, wissen die Forscher auch nicht. Jedenfalls empfehlen sie dringend, trotzdem Sport zu treiben – und zwar wirklich.

5 Und was treiben Sie privat?

Kaum ein Chef oder eine Chefin lässt es sich nehmen, verschiedene Bewerber zum Vorstellungsgespräch zu bitten, um die oder den besten auszuwählen. Schließlich hat man Menschenkenntnis! Wenn dem so sein sollte, hilft diese nicht weiter: Die landläufigen Auswahlgespräche sagen jedenfalls nur wenig darüber aus, wie die Leistungen der Eingestellten später beurteilt werden – von den Vorgesetzten. Wesentlich aussagekräftiger sind sogenannte strukturierte Auswahlgespräche. Dabei bekommen alle Bewerber die gleichen Fragen gestellt. Die werden vorher festgelegt, und zwar aufgrund einer Analyse, welche Fähigkeiten für die Stelle wirklich gebraucht werden. Außerdem steht von vornherein fest, welche Antworten wie gewertet werden. Solche strengen Regeln mag sich aber kaum eine Führungskraft auferlegen, wie eine Umfrage der Hochschule Osnabrück zeigt. Stattdessen stellen viele Fragen, die ihnen gerade einfallen, gerne auch nach Hobbys und sportlichen Aktivitäten – was immer das über die Eignung aussagen mag.

6 So aggressiv? Respekt!

Aggressiven oder auf sonstige Weise verhaltensauffälligen Jugendlichen lässt sich gut in Gruppenbehandlungen helfen. Das glauben zumindest viele Therapeuten und konzipieren laufend entsprechende Programme. Doch dieser Ansatz ist riskant. So schlugen die zwölfwöchigen Bemühungen im Rahmen des amerikanischen Adolescent Transitions Program fehl. Ein und drei Jahre später erwiesen sich die teilnehmenden Jugendlichen als aggressiver und leisteten sich mehr Regelverstöße als Vergleichsgruppen ohne die vermeintliche Hilfe. Nebenbei rauchten sie mehr. Warum Gruppen schaden können, zeigte sich in einer anderen Studie bei der Analyse von Videobändern, auf denen sich über 200 Jungen mit Freunden unterhalten. Nicht selten reagierten diese mit Lachen oder sonstigen Ermutigungen, wenn die Jungen von verbotenem Tun berichteten. Wer so bestärkt wurde, hatte einige Jahre später statistisch mehr Beziehungsprobleme, war gewalttätiger und wurde öfter verhaftet.

Literatur:

Erik G. Helzer, David Dunning: Why and when peer prediction is superior to self-prediction: The weight given to future aspiration versus past achievement. Journal of Personality and Social Psychology, 2012, 103/1, 38–53. DOI:10.1037/a0028124

Gil Morrot u. a.: The color of odors. Brain and Language, 2001, 79, 309–320, DOI::10.1006/brln.2001.2493

Robert T. Hodgson: An Examination of Judge Reliability at a major U.S. Wine Competition. Journal of Wine Economics, 2008, 3/2, 105–113

Octavia H. Zahrt, Alia J. Crum: Perceived physical activity and mortality: Evidence from three nationally representative U.S. samples. Health Psychology, 2017, 36/11, 1017–1025. DOI: 10.1037/hea0000531

Uwe Kanning: Einstellungsinterviews in der Praxis. Report Psychologie, 2016, 41/11/12, 442 - 450

Thomas J. Dishion u. a.: When interventions harm: Peer groups and problem behavior. American Psychologist, 1999, 54/9, 755–764

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 5/2018: Akzeptieren, wie es ist
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