„Was soll von mir bleiben?“

„Generativität“ heißt, über das eigene Leben hinaus zu denken und Antworten zu finden auf Fragen wie: „Welche Spuren will ich hinterlassen?“

Ein älterer Mann sitzt mit seinem Enkelsohn auf einer Treppe am Strand und überlegt, welche Spuren er hinterlassen wird
Was werden meine Enkel von mir behalten, wenn ich nicht mehr da bin? © Oliver Rossi/Getty Images

Eine Initiative von 14 gemeinnützigen Organisationen und Stiftungen, darunter Greenpeace, Ärzte ohne Grenzen und SOS Kinderdörfer, hat sich zusammengeschlossen, um der Idee der Generativität ein praktisches Betätigungsfeld zu eröffnen. Titel dieser Initiative: „Mein Erbe tut Gutes. Das Prinzip Apfelbaum“. Es gibt eine wachsende Bereitschaft vieler Menschen, ihr Erbe nicht nur den ihnen Nahestehenden zukommen zu lassen, sondern auch gemeinnützigen Zwecken.

Die Initiative hat prominente Persönlichkeiten gebeten, ihre generative Idee zu erläutern: Was soll von mir bleiben? Was kann ich für zukünftige Generationen tun? Die bekannte Fotoessayistin Bettina Flitner hat diese Menschen porträtiert. Wir zeigen einen Ausschnitt aus dieser Dokumentation.

Reinhold Messner

Wir Menschen werden geboren. Wir haben die Möglichkeit, uns zu entfalten, uns auszudrücken, das zu machen, was wir machen können. Am Ende verlieren wir uns in der Unendlichkeit. Natürlich, solange sich jemand erinnert, bleibt in den Köpfen anderer etwas von uns erhalten. Aber nicht ewig. Irgendwann löst es sich einfach auf. Alles, was ein Mensch auf dieser Erde geschaffen hat, hat nur einen Fortbestand, wenn es von anderen belebt und weitergetragen wird. Am Ende bleibt von dem Kreator nichts. Auch Bilder und Bücher werden irgendwann verwittern. Im Übrigen reicht ein einziger Meteoriteneinschlag in einer bestimmten Größe und die Menschheit ist von der Erde gefegt. Und auch alle Götter, die die Menschen erfunden haben, sind verschwunden.

Ich bin in einem Bergdorf aufgewachsen. Wir, die Dorfgemeinschaft, haben unsere Toten gemeinsam zu Grabe getragen. Auch im Winter sind wir zu den Berghöfen der Verstorbenen hinaufgegangen. Dort kamen die Pferde mit den Schlitten, darauf der Sarg. Diesem Gespann sind wir in einer Prozession zum Friedhof gefolgt. Früh war mir klar: Die Menschen sterben. Lange betraf das nicht mich direkt, nicht meine Verwandten. Dann starb der Großvater, die Großmutter. Dann mein Bruder und ich selbst beinahe. Ich bin darauf gekommen: Das Sterben ist im Grunde die einfachste Sache der Welt. Wir lassen uns am Ende, wenn wir keine Chance mehr haben, unser Leben zu retten, in den Tod fallen. Da ist keine Begegnung mit dem Jenseits. Das ist eine Erlösung, ein Aufatmen. Und dann ist es ein Verschwinden. Die absolute Raum- und Zeitlosigkeit. Wie im Schlaf. Wie im Traum.

Die Sache ist ganz einfach: Mit unserer Geburt sind wir Sterbende, wir nähern uns immer weiter dem Tod. Wenn ich den Tod als das selbstverständliche Ende meines Daseins annehme, kann ich mein Leben viel besser ausfüllen. Ich habe nichts versäumt. Ich weiß genau, wo ich herkomme. Und ich weiß sehr genau: Meine Zeit ist knapp geworden. Deshalb bin ich nicht in Eile. Ich genieße die Möglichkeit, zu gestalten. Ich genieße die Möglichkeit, zu erfahren. Ich habe keinerlei Interesse, etwas anzuhäufen. Es gibt nichts Langweiligeres als angehäuftes Gut, angehäuftes Geld, selbst angehäuftes Wissen ist langweilig. Es gibt nichts, gar nichts, von dem ich sage: Das muss bleiben. Warum soll gerade von mir etwas bleiben? Ich bin ein ganz normaler Mensch und damit so vergänglich wie alle Menschen.

Ich weiß nicht, was wahr ist und was falsch. Ich will niemanden belehren. Ich habe Erfahrungen gemacht, die andere nicht gemacht haben. Diese Erfahrungen multipliziere ich, indem ich sie mit vielen Menschen teile. Ich habe Vorträge gehalten. Ich habe Bücher geschrieben. Mit meinem Bergmuseum habe ich eine weitere Form des Erzählens gefunden. Über Relikte, über Kunst, über Geschichten erzähle ich, was uns passiert, wenn wir uns den Bergen ausliefern. Es geht nicht darum, in Erinnerung zu bleiben. Das ist mein Erbe, das ich einbringe. Ich gebe mein Wissen weiter. Denn wenn Wissen verlorengeht, reißt der Faden zwischen dem Gestern und dem Morgen. Dieses Museum ist eine Struktur, die ich erfunden habe. Aber sie gehört mir nicht. Und wenn sie fertig ist, verabschiede ich mich. Dann werden es andere sein, die sich damit identifizieren können, sie am Leben halten und sie weiter entfalten. Hoffentlich über Generationen hinweg. Aber es ist in keiner Weise notwendig, dass man in 30, 40, 100 Jahren sagt: „Das ist die Erfindung dieses Irren, der einmal ein paar Steine zusammengetragen hat und auf ein paar Hügel gestiegen ist.“


Christiane Nüsslein-Volhard

Irgendwann kam es mir: Ich wollte herausfinden, was in einem Ei drin ist, wie aus der befruchteten Eizelle ein fertiges Wesen, aus etwas ganz Einfachem etwas Komplexes entsteht. Genetik und Embryologie zu verknüpfen und das bei der Fliege zu...

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 12/2014: Das reicht mir!
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