„Glück ist etwas sehr Vergängliches“

Das westliche Streben nach Glück ist Japanern fremd. Die Psychologin Yukiko Uchida erforscht das asiatische Gegenmodell von Zufriedenheit.

Eine japanische Familie feiert gemeinsam eine Zeremonie und alle lachen dabei herzlich und leben ihre eigene Form von Zufriedenheit
Das „Zusammenglück“ ist für Japaner erstrebenswerter als das individuelle Glück nach westlichem Vorbild. © YOSHIKAZU TSUNO/Getty Images

Frau Professorin Uchida, Sie haben untersucht, was die Menschen unter Glück verstehen. Wie unterscheiden sich Japaner dabei von Europäern und Amerikanern?

Oh, da gibt es viele Unterschiede. Im Westen glaubt man zum Beispiel, dass man es selbst im Griff hat, ob man glücklich wird oder nicht. Im Westen glaubt man auch, dass Glück eine fantastische Sache ist. Dass man erst im Zustand des Glücks wirklich zu sich selbst kommt und all seine Potenziale abruft. Wer glücklich ist, kann gewissermaßen die Welt aus den Angeln heben. Für uns Japaner sind das recht abwegige Vorstellungen. Wir sehen Glück eher als etwas, das von außen kommt, das vor allem vom Zufall abhängt. Man hat kaum Kontrolle darüber, ob man glücklich ist oder nicht.

Wollen Japaner denn lieber unglücklich sein?

Natürlich nicht. Sie haben aber viel stärker das Gefühl, dass Glück etwas sehr Vergängliches ist. Es währt nur für einen Moment, dann ist es vorbei. Deshalb muss man sich und seine Gefühle kontrollieren, wenn die Dinge mal gut laufen. Man darf sich diesem Hochgefühl nicht zu sehr hingeben. Denn das wäre gefährlich.

Man misstraut dem Glück?

Bei uns sieht man diesen euphorischen Zustand ganz sicher skeptischer als im Westen. Wir haben verglichen, was etwa Japaner und Amerikaner fühlen, wenn sie glücklich und wenn sie unglücklich sind. Wenn es im Leben eher schlecht läuft, finden wir kaum Unterschiede zwischen den Kulturen: Man empfindet einen Mix aus guten und schlechten Emotionen. Das ist überall gleich. Aber in Momenten des Glücks gibt es enorme Unterschiede. Menschen aus westlichen Kulturen berichten da ausschließlich von positiven Emotionen. Alles ist toll. Bei Japanern sind die Gefühle dagegen auch im Glück noch gemischt. Sie haben stets auch ein wenig Angst.

Wovor?

Etwa davor, den Neid der anderen auf sich zu ziehen. Weil man plötzlich herausragt und sich von anderen unterscheidet. Vielleicht hat man – anders als seine Kollegen – einen Bonus bekommen. Für uns ist das eine Art Nullsummenspiel: Mag sein, dass ich gerade glücklich bin, aber deshalb...

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 10/2020: Die Macht des Selbstbilds
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