Frau Sissoko, was hat es mit Mikroaggressionen wirklich auf sich?

Eine Psychologin erklärt, welche Formen von Mikroaggressionen es gibt und wie sich Betroffene schützen können.

Sie unterscheiden primäre und sekundäre Mikroaggressionen – warum?

Generell sind Mikroaggressionen alltägliche verbale oder durch Verhalten ausgelöste Verletzungen. Sie kommunizieren feindselige, negative oder abwertende Inhalte, die sich ausschließlich darauf beziehen, dass das Gegenüber einer marginalisierten Gruppe angehört.

Wir legen das Augenmerk auf den Dialog: Eine Person greift eine andere verbal an – das ist die primäre Mikroaggression –, und nachdem das Opfer reagiert, kommt es oft zu einem zweiten Angriff oder noch weiteren sekundären Mikroaggressionen.

Mikroaggressionen müssen nicht absichtlich sein, können es aber. Bei dem Wort „Mikro“ geht es um die Manifestation, die unterschwellig, subtil, indirekt verläuft, und nicht um die Auswirkung, die möglicherweise katastrophal für ein Opfer ist. Ein Beispiel: „Ihr Deutsch ist ja wunderbar.“ Dahinter steckt beispielsweise die Vorstellung: Eine schwarze Person kann keine Deutsche, kein Deutscher sein. 

Es gibt fünf Typen von sekundären Mikroaggressionen, welche sind das?

Wir unterscheiden drei verbale Formen. Die erste ist das victim blaming, dabei wird der angegriffenen Person die Schuld dafür gegeben, dass sie angegriffen wird. Die zweite, gaslighting, ist seit längerem aus der Erforschung intimer Gewalt in Beziehungen bekannt. Es ist eine manipulative Taktik, bei der vermittelt wird: Was du wahrnimmst, stimmt nicht, existiert nicht oder du „reagierst über“. Splaining passiert, wenn die angreifende Person glaubt, aus einem Gefühl der Überlegenheit heraus dem Gegenüber etwas erklären oder ihm helfen zu müssen, ob es will oder nicht.

Besonders interessant sind zwei Formen, bei denen es nicht um Äußerungen, sondern um das Verhalten geht: Freundinnen, Familienmitglieder, die danebenstehen und nichts tun, also die angegriffene Person im Stich lassen, das nennen wir abandonment. Um Missachtung, die fünfte Form, geht es, wenn die Aggression gar nicht oder erst später bemerkt wird, der Typ heißt neglect. Wenn es nahestehende Personen sind, die sich so verhalten, ist es besonders einschneidend.

Aus diesem Prozess kommt der angegriffene Mensch kaum unbeschadet wieder heraus, schreiben Sie. Warum?

Es gibt zwar theoretisch mehrere Optionen zu reagieren – aber jede einzelne zieht Kosten nach sich. Wenn ich etwas erwidere, riskiere ich eine weitere Aggression wie: „Sie müssen nicht immer alles darauf beziehen, dass Sie Ausländerin sind.“ Wenn ich die Person kenne, die mich angreift, kann ich sie auf ihr Verhalten aufmerksam machen – aber das kann der Beziehung zu ihr schaden. Und wenn ich nichts sage, kann es sein, dass ich mich im Nachhinein aufrege, weil ich versäumt habe, mich selbst zu schützen. Es ist in jedem Fall schädlich, umso mehr, je häufiger es passiert.

Wie können sich Betroffene selbst schützen?

Es ist wichtig, die Verantwortung für die Verletzung dem Täter oder der Täterin zuzuschreiben und sie dort zu belassen. Generell schwierig ist, dass man innerhalb von Sekundenbruchteilen entscheiden muss, ob und wie man antwortet: Wird es Streit geben? Wenn ja, ist das schlecht für mich? Wenn ich nichts sage, heißt das dann, dass ich das Verhalten akzeptiere? Mikroaggressionen passieren sehr schnell, es sind sehr flüchtige Momente.

Gina Sissoko ist Psychologin und promoviert am Graduate Center und John Jay College of Criminal Justice an der City University of New York.

Literatur:

Veronica Johnson u.a.: “It’s not in your head”: Gaslighting, splaining, victim blaming, and other harmful reactions to microaggressions. Perspectives on Psychological Sciences, 2021. DOI: 10.1177/17456916211011963,

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