Herr Peters, wie entstehen Übergeneralisierungen?

Der Kognitionswissenschaftler Uwe Peters erklärt, warum auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler manchmal falsche Schlussfolgerungen ziehen

Was meinen Sie mit „Induktion“ und warum kann damit ein Denkfehler – Bias – einhergehen?

„Induktion“ ist ein gedanklicher Prozess: Menschen schließen aus einer begrenzten Zahl einer bestimmten Beobachtung auf deren Allgemeingültigkeit. Sie denken: Da die Sonne bisher morgens aufging, ist das immer so. Ein Denkfehler kann entstehen, wenn wir im Alltag unaufmerksam sind und solche Verallgemeinerungen automatisch vollziehen. Das haben Studien gezeigt.

Versuchsteilnehmende sollten mehrere Sätze lesen und sich merken, beispielsweise: „Für viele Menschen geht gesunde Ernährung mit einer längeren Lebensdauer einher.“ Oder: „30 Prozent der neuentdeckten Amöbe Arcella gandalfi tragen einen Schutzpanzer.“ Ein Großteil der Probandinnen und Probanden vergaß die präzisierenden Angaben „viele“ oder „30 Prozent“. So gelangten sie zu der pauschalen Vorstellung, dass alle Menschen oder alle neuentdeckten Amöben gemeint waren.

Sie sagen, Forscherinnen und Forscher generalisierten ebenfalls oft unreflektiert. Welche Folgen hat das?

Übergeneralisierungen im Alltag gelten häufig als unproblematisch. Wenn Sie sich im Afrikaurlaub Malaria zugezo­gen haben und erzählen: „Moskitos übertragen Malaria“, dann wird man Ihnen zustimmen – obwohl nur weniger als 10 Prozent aller Moskitos Malaria übertragen. Oder denken Sie an Aussagen wie „Früher war alles besser“ oder „Politikern kann man nicht trauen“.

In der Wissenschaft sind Übergeneralisierungen jedoch unzulässig. Statistik und Methodenlehre wurden speziell dagegen entwickelt. Trotzdem gibt es viele Wissenschaftlerinnen, die, obwohl sie nur Personen aus westlichen, wohlhabenden und demokratischen Ländern getestet hatten, Dinge schreiben wie: „Menschen mit Dysphorie reagieren weniger empfindlich auf positive Informationen aus der Umgebung.“ Oder: „Männer finden umweltverträgliches Verhalten unmännlich.“ Sie ziehen Schlüsse aus ihren Befunden, die viel zu allgemein sind.

Welches sind die größten Sünden bei der Übergeneralisierung?

Falsche Schlüsse führen zu falschen Überzeugungen, etwa bei Stereotypen und rassistischen Vorurteilen, welche besonders häufige und typische Übergeneralisierungen sind, die auch noch von Emotionen oder zum Teil politischen Motiven beeinflusst sind.

Was steckt bei Wissenschaftlern dahinter?

Die Verbreitung von zu weitgreifenden Formulierungen deutet aus meiner Sicht darauf hin, dass sie – aufgrund der unbewussten Verallgemeinerungstendenz – nicht merken, dass sie unzulässig generalisieren. Die Konkurrenz um Arbeitsplätze kann das verschlimmern, ebenso die Art, wie Gremien von Fachzeitschriften ihre Auswahl treffen. Weitreichendere Schlussfolgerungen erregen eher Aufsehen und werden oft bevorzugt.

Was können Laien und Forschende tun, um weniger problematisch zu generalisieren?

Wir alle sollten uns bewusstmachen, dass wir zu unzulässigen Schlussfolgerungen neigen. Schon das kann helfen, Generalisierungen nicht vorschnell zu akzeptieren. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern empfehlen wir Checklisten für ihre Berichte, die helfen, alle Besonderheiten der Versuchspersonen und -materialien aufzulisten und zu erklären.

Uwe Peters forscht an der Universität Cambridge zur künstlichen Intelligenz, Kognitionswissenschaft und Philosophie.

Uwe Peters u.a.: Generalization bias in science. Cognitive Science, 46/9, 2022. DOI: 10.1111/cogs.13188

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 1/2023: Selbstmitgefühl
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