Gesundheit

Das lange Warten

​Dietrich Munz, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer, über Ursachen und Folgen der langen Wartezeiten auf einen Therapieplatz ​

​Die lange Wartezeit auf eine Therapie birgt die Gefahr, dass das Leiden sich verschlimmert ©Plainpicture

Das lange Warten

Über sieben Monate kann es dauern, bis man als Patient in Deutschland einen Psychotherapieplatz bekommt. Warum das so ist und was das für psychisch Erkrankte bedeutet, erklärt ­Dietrich Munz, Präsident des Vorstandes der Bundespsychotherapeutenkammer

Herr Dr. Munz, warum ist es in Deutschland so schwierig, einen Psychotherapieplatz zu bekommen?

Weil wir vor allem in ländlichen Gebieten, aber auch in vielen Städten zu wenig Therapeuten mit Kas­senzulassung haben. Deshalb ist die Kapazität zur Behandlung psychisch Kranker begrenzt und zu niedrig.

Jedes Jahr absolvieren rund 2500 Psychologen und Pädagogen erfolgreich die staatliche Therapeutenausbildung. Reicht dieser Nachwuchs nicht, um den Bedarf zu decken?

Wir haben genug Nachwuchs, der Interesse hat, einen Kassensitz zu bekommen. Aktuell haben wir etwa 47  000 approbierte Psychotherapeuten – aber nur rund 25  000 davon haben einen Kassensitz, 40 Prozent von ihnen sogar nur einen halben. Nach den Regularien kann ein Sitz erst dann besetzt werden, wenn er von einem Kollegen aufgegeben wird. Das heißt, es kommen keine neuen Praxissitze hinzu, sofern dies nicht durch den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) anders geregelt wird. Der G-BA ist das höchste Gremium der gemeinsamen Selbstverwaltung im Gesundheitswesen Deutschlands und setzt sich zusammen aus Vertretern der Ärzte, Krankenhäuser, Kassen und Patienten. Er ist vom Gesetzgeber nicht nur damit beauftragt zu entscheiden, was den gesetzlich Versicherten an Leistungen zusteht, sondern auch, wie viele Ärzte und Psychotherapeuten sich bundesweit niederlassen dürfen.

Können Sie Otto Normalverbraucher erklären, warum nicht mehr Kassensitze für Psychotherapeuten geschaffen werden?

Für alle ärztlichen Versorgungen gibt es in Deutschland die sogenannte Bedarfsplanung, in der festgelegt wurde, wie viele Ärzte der jeweiligen Fachgruppen man für die Versorgung kranker Menschen braucht. Das war ein ganz pragmatisches Vorgehen. Die Kassenärztlichen Vereinigungen haben zusammen mit den Krankenkassen geschaut: Wie viele Ärzte und Psychotherapeuten gibt es zu einem bestimmten Stichtag in den verschiedenen Regionen? Und diese Zahl der vorhandenen Kassensitze wurde dann als Richtwert für die notwendige Versorgung festgelegt. Bei den Ärzten erfolgte die Berechnung vor 30 Jahren. Da wurden die Zahlen der alten Bundesländer erhoben und nach der Wende einfach auf ganz Deutschland ausgeweitet. Bei den Psychotherapeuten fand diese Berechnung erst 1999 statt, kurz nach dem Inkrafttreten des Psychotherapeutengesetzes, als viele Kollegen noch keinen Praxissitz hatten. Außerdem wurden die neuen Bundesländer mit einbezogen, wo die psychotherapeutische Versorgung damals noch sehr schlecht war.

Die Bedarfsplanung muss also dringend überarbeitet werden, womit der Gemeinsame Bundesausschuss im Jahr 2012 beauftragt wurde. Wie viele Kassensitze sind seitdem dazugekommen?

Für ländliche Regionen wurden bundesweit etwa 1300 Sitze neu geschaffen. Der Gemeinsame Bundesausschuss wurde 2015 erneut aufgefordert, die Bedarfsplanung bis zum Januar 2017 noch weiter anzupassen. Dies ist bislang nicht geschehen.

Welche Patienten sind mit der Suche nach einem kassenzugelassenen Therapeuten besonders überfordert?

Insbesondere Patienten, denen es sehr schlecht geht. Diese Menschen haben meist Schwierigkeiten, sich ausreichend zu engagieren, um einen Therapeuten zu finden, das heißt am Telefon einen Kollegen nach dem anderen anzurufen.

Mit welchen psychischen Erkrankungen warten Patienten am längsten auf eine Therapie?

Ich denke, es hängt mehr vom Schweregrad der Erkrankung als von der Art der Erkrankung selbst ab. Weil es für sehr kranke Patienten eben viel schwieriger ist, bei der Suche am Ball zu bleiben. Das gilt für alle Diagnosegruppen – ob Depression, Essstörung oder Trauma.

Aktuell warten Patienten auf den Beginn einer Psychotherapie zwischen vier Monaten in Großstädten, fünf bis sechs Monaten im ländlichen Raum und sogar über sieben Monaten im Ruhrgebiet. Was bedeutet das für die Patienten?

Es birgt die Gefahr, dass die Erkrankung schwerer wird und Patienten in eine stationäre Behandlung müssen. Denn innerhalb von vier bis sieben Monaten kann sich bei psychischen Erkrankungen viel ändern. Was die Kosten der stationären Behandlung angeht, ist davon auszugehen, dass ein Tag in der Klinik mindestens so viel kostet wie zwei Therapiestunden. Damit wird schon deutlich, wie viel Kosten eingespart werden können, wenn rechtzeitig eine ambulan­te Psychotherapie eingeleitet wird. Außerdem verlieren Patienten an Motivation, je länger sie warten müssen, und geben ihr Therapievorhaben mitunter ganz auf.

Seit April 2017 gibt es die Strukturreform der psychotherapeutischen Versorgung. Damit sollte für Patienten ein zeitnaher niederschwelliger Zugang zur Psychotherapie geschaffen und das Versorgungsangebot insgesamt flexibler werden. Was hat sich durch die Reform verändert?

Mit Einführung der „Sprechstunde“ wurde ein Grundstock dafür gelegt, dass Patienten deutlich ­früher eine Diagnostik und Beratung beim Psychotherapeuten bekommen. 2011 waren es noch durchschnittlich drei Monate Wartezeit auf ein erstes Gespräch beim Therapeuten, jetzt sind es knapp sechs Wochen.

Außerdem können Therapeuten mit der Akutbehandlung Patienten in einer Krisensituation unterstützen. Die Akutbehandlung ist ein zeitlich begrenztes Angebot von bis zu 24 Terminen à 25 Minuten. Sind die Beschwerden damit nicht ausreichend gelindert und Patienten benötigen dann eine reguläre Psychotherapie, müssen sie jedoch weiterhin Monate auf einen Platz warten. Denn die Therapeuten haben durch die Reform nicht mehr Behandlungskapazität frei als früher.

Patienten wie Therapeuten berichten, dass durch die Reform die Kostenerstattung für Behandlungen in Privatpraxen noch schwieriger geworden ist. Können Sie dies bestätigen?

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 11/2018: Manipulation durchschauen
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