Ohne Antrieb durch Entzündung

​Wer sich permanent energielos fühlt, kann dies teilweise auf sein Immunsystem zurückführen. Insbesondere ein Botenstoff schmälert die Motivation.

An Motivation schien es ihm nicht zu fehlen. In einem Brief an den Herzog von Mailand schrieb Leonardo da Vinci um 1480, er könne mobile Brücken bauen, alle Arten von Kanonen herstellen und auch Skulpturen aus Ton, Bronze sowie Marmor erschaffen. Sein Brief spiegelt schöpferische wie rastlose Motivation – eine beneidenswerte Eigenschaft, gerade für Menschen, die sich ständig schlaff und antriebslos fühlen.

Hinter solch permanenter Energielosigkeit könnte nicht etwa ein Mangel an Wille, Ideen oder Interesse stecken, sondern: das Immunsystem. Das berichten Forscher um Michael Treadway von der Emory University. Sie konzentrierten sich auf die Auswirkungen von leichten, aber chronischen Entzündungsprozessen. Solche treten beispielsweise bei anhaltendem Stress, Übergewicht, metabolischem Syndrom und Dysbiose, einem Ungleichgewicht der Darmflora, auf.

Dopaminmangel hemmt die Motivation

Die Wissenschaftler haben vorliegende Studien zum Einfluss des Immunsystems auf die Dopaminausschüttung ausgewertet. Dopamin, ein Hauptakteur im Belohnungssystem des Gehirns, spielt eine zentrale Rolle für unsere Motivation. Mithilfe eines computergestützten Verfahrens ermittelten Treadway und sein Team, wie unsere Aufwandsbereitschaft infolge von Entzündungsprozessen abnimmt.

Ihr Resümee: Entzündungen führen dazu, dass Botenstoffe (Zytokine) ausgeschüttet werden, die im Gehirn die Ausschüttung von Dopamin hemmen. Dadurch sinke „unsere Bereitschaft, sowohl körperliche als auch geistige Mühe aufzuwenden“, schreiben die Forscher. „Unsere Studie erweitert das Verständnis von Motivationsmangel bei körperlichen Erkrankungen, aber auch bei Störungen wie Depressionen.“

Die motivationshemmende Funktion des Immunsystems sei eine im Prinzip hilfreiche Erfindung der Evolution, so die Autoren. Damit sei sichergestellt worden, dass sich ein Mensch nicht überanstrengt, wenn er sich einen Infekt eingefangen hat. Denn die Genesung, das wissen Forscher heute, erfordert viel Energie: Bei starken Infektionen oder großen Wunden kann der Glukosebedarf des Immunsystems um bis zu 60 Prozent steigen – und diese Energie muss anderswo abgezogen werden. Wir werden dann zu Recht träge.

DOI: 10.1016/j.tics.2019.03.003

Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Räume der Seele: Psychologie Heute 12/2019
file_download print

Die Redaktion empfiehlt

Gesellschaft
Selbsttötungen und Suizidgedanken sind weiter verbreitet, als man meint. Doch niemand spricht darüber. Dabei könnte genau das Leben retten.
Beziehung
Buchbesprechung: Bärbel Wardetzki zeigt Wege aus der narzisstischen Beziehungsfalle.
Beziehung
Einsamkeit ist insbesondere in diesen Tagen ein wichtiges Thema. Wie entsteht sie und wie kommen wir wieder hinaus?