Psychotherapie für den Körper

Psychotherapie tut nicht nur der Seele gut, sondern auch dem Körper – und könnte so auch zur Behandlung körperlicher Erkrankungen eingesetzt werden.

Vitamin C und Psychotherapien haben etwas gemein: Sie tun unserem Immunsystem gut. Die positive körperliche Wirkung von Psychotherapien hat jetzt ein amerikanisches Forscherteam dokumentiert.

George Slavich (University of California) und seine Kollegen analysierten 56 Studien aus den vergangenen drei Jahrzehnten, an denen insgesamt 4060 Freiwillige im Durchschnittsalter von 47 Jahren teilgenommen hatten. Darin standen verschiedene Arten der Psychotherapie im Fokus. Bei allen Untersuchungen war die Immunfunktion der Probanden protokolliert worden, darunter die Anzahl entzündungsfördernder sowie entzündungshemmender Immunzellen.

Slavich und sein Team beobachteten über sämtliche Studien hinweg eine grundsätzliche Tendenz: Im Laufe der Therapie sank die Anzahl gefährlicher Entzündungsprozesse – und es kam zu einer verbesserten Funktion des Immunsystems. Diese positive Wirkung war generell unter den Teilnehmern zu beobachten, ungeachtet ihres Alters und Geschlechtes.

„Insbesondere die kognitive Verhaltenstherapie scheint das Immunsystem vorteilhaft zu beeinflussen“, berichten die Wissenschaftler. „Aber auch multiple und kombinierte therapeutische Interventionen waren mit einem starken Rückgang schädlicher Immunprozesse verbunden.“ Wie schnell sich die Immunfunktion verbesserte, hing ebenfalls von der Therapieform ab – im Falle der kognitiven Verhaltenstherapie dauerte es durchschnittlich zweieinhalb Monate. Und generell erwies sich diese Wirkung als nachhaltig: „Der förderliche Immuneffekt hielt mindestens sechs Monate nach Ende der Therapie an“, schreiben die Wissenschaftler.

Die Forscher kommen zu dem Schluss, dass Psychotherapie nicht nur gezielt zur Förderung der seelischen, sondern auch der körperlichen Gesundheit eingesetzt werden sollte – „gerade weil jüngsten Schätzungen zufolge mehr als die Hälfte aller Todesfälle weltweit auf entzündungsbedingte Krankheiten zurückzuführen ist“. Psychotherapien, so die Autoren, verursachten insgesamt weniger Nebenwirkungen und geringere Kosten als eine medikamentöse Behandlung.

Grant S. Shields u.a.: Psychosocial Interventions and Immune System Function. A Systematic Review and Meta-analysis of Randomized Clinical Trials. JAMA Psychiatry. DOI: 10.1001/jamapsychiatry.2020.0431

Artikel zum Thema
Gesundheit
Für manche Menschen beginnt im Winter eine besonders schwierige Zeit – sie leiden unter der Winterdepression. Was sie tun können, um sich auch in der dunklen…
Gesundheit
Warum fühlen wir uns nach einem Spaziergang unter Bäumen so gut? Forscher können jetzt belegen: Da gibt es etwas in der Waldluft, das nicht nur unsere Stimmung…
Gesundheit
Der Arzt und Psychologe Christian Schubert beschreibt den Einfluss der Psyche auf das Immunsystem – und warum frühe traumatische Erfahrungen die Immunabwehr…
Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 10/2020: Die Macht des Selbstbilds
Psychologie Heute Compact 66: Meine Wohnung und ich
file_download print

Die Redaktion empfiehlt

Beziehung
Zweifel an der eigenen Beziehung sind eine große Belastung – für den Partner und insbesondere den Betroffenen.
Gesellschaft
Immer mehr Computerspiele setzen sich differenziert mit psychischen Störungen auseinander. Was bedeutet das für die öffentliche Wahrnehmung?
Beziehung
Viele Partner entfernen sich im Laufe ihrer Beziehung voneinander. Die emotionsfokussierte Paartherapie zeigt, wie sie wieder zueinander finden. ​