„Sprechen ist kein Ersatz“

Angehörige dürfen nicht ans Krankenbett und tröstende Berührungen bleiben aus. Krankenhausseelsorgerin Amrai Hoischen über die Not der Patienten.

Die Illustration zeigt einen Patienten, der isoliert ist und behandelt wird.
Körperliche Berührungen sind zentral in der Krankenhausseelsorge – doch zur Zeit unmöglich. © zubada // Getty Images

Auch wenn es digitale Möglichkeiten wie Skype oder Facetime gibt: Ein wichtiger Teil Ihrer Arbeit als Seelsorgerin ist der direkte Kontakt zu Menschen. Wie beeinflussen die Corona-Maßnahmen die Art und Weise, wie Sie Menschen unterstützen?

Im Frühjahr mussten wir unser Seelsorgeangebot stark einschränken. Mittlerweile haben wir zumindest wieder die Möglichkeit, in die Krankenzimmer zu gehen. Doch das Tragen der Mund-Nase-Bedeckung erschwert es, zu kommunizieren und Emotionen zu erkennen: Man muss langsam und deutlich sprechen und um einen Eindruck davon zu gewinnen, wie sich mein Gegenüber fühlt, muss ich jetzt noch stärker als vorher auf die Augen achten.

Die Gesichtspartie darunter kann ich dafür ja nicht mehr nutzen. Besonders zu schaffen macht uns Seelsorgern und Seeelsorgerinnen das Abstandsgebot. Den Patienten berühren, um Trost zu spenden und um ihm Hoffnung zu schenken – das ist enorm wichtig und derzeit überhaupt nicht möglich. Stattdessen versuchen wir, mit Worten auszugleichen, was an unmittelbarem Kontakt auf der Strecke bleibt. Aber das Sprechen ist kein vollwertiger Ersatz dafür.

Ebenjener Kontakt bleibt für die Patientinnen momentan auch durch Angehörige aus, die das Krankenhaus nur unter Auflagen besuchen dürfen – wenn überhaupt.

Dass sie ihre Lieben nur noch sehr eingeschränkt oder gar nicht mehr sehen dürfen, ist für die Patienten schwierig. Die Kinder, die mal einen Blumenstrauß, mal ein paar Leckereien vorbeibringen und so den Klinikalltag der Patientinnen aufhellen, fehlen einfach. In unserer Therapieklinik haben wir viele junge Patienten mit langer Verweildauer. Viele sind Eltern. Die Kinder haben ihren Vater oder ihre Mutter zum Teil seit Wochen nicht mehr gesehen.

Ich denke hier an einen kleinen Jungen, der seinen behandelten Vater nicht besuchen durfte. Dessen Zustand hatte sich im Laufe des Aufenthalts so stark verschlechtert, dass er schlussendlich im Rollstuhl saß. Als der Junge dann nach Langem doch wieder am Krankenbett war, wollte er seinen Vater nicht mehr sehen. Er stürmte aus dem Zimmer und aus der Entfernung hörte ich ihn noch sagen: „Ist das real oder nur eine Illusion?“ Momente wie dieser machen mich sprachlos. Ich finde es extrem herausfordernd, was den Menschen abverlangt wird. Die Regeln machen natürlich Sinn, aber greifen gerade hier in der Klinik sehr massiv in das Leben ein.

Wie reagieren Sie auf diese Herausforderungen?

Wie sonst auch versuchen wir Menschen auf ihrem Lebensweg zu unterstützen. Durch Corona fehlt den Patientinnen der Großteil der Sozialkontakte. Damit sind nicht nur die Angehörigen gemeint, sondern beispielsweise auch die ehrenamtlichen Helfer vom Besuchsdienst.

Eine weitere Herangehensweise mit der wir versuchen, Nähe herzustellen, ist, zu vermitteln. Wir sprechen mit dem medizinischen Team, dem sozialen Umfeld und der Patientin und können so dafür sorgen, dass die Kommunikation reibungsloser verläuft. Außerdem unterstützen wir die Angehörigen, sodass sie sich nicht um alles kümmern müssen. Als Seelsorgerinnen versuchen wir insgesamt, die negativen emotionalen Folgen abzufedern, auch für das durch Corona stärker belastete Klinik-Personal.

Den Kontakt zum Personal zu erleichtern, ist sicherlich eine große Entlastung für die Angehörigen. Ein weitaus schwieriger Fall tritt dagegen ein, wenn Menschen von ihren Angehörigen Abschied nehmen müssen, aber aufgrund einer eigenen Erkrankung nicht mehr ans Krankenbett treten dürfen.

Ganz wichtig sind hier Symbole, wie ein kleiner Engel aus Bronze, den ich beiden Seiten schenke. Er kann eine Hilfe dabei sein, sich von einem lieben Menschen zu verabschieden, weil man seine Gedanken und Gefühle in ihn hineinlegen kann. Er kann einem Trost spenden und einen dadurch unterstützen, zu verbalisieren, was einen beschäftigt. Ein solches Symbol kann aber auch sehr wertvoll sein, um Angst zu lösen und zuversichtlichen Gedanken Raum zu geben.

Doch auch Symbole können den Lebenspartner oder die enge Freundin nicht ersetzen, vor allem nicht am Sterbebett.

Ich möchte Ihnen von einer Situation erzählen, die mich sehr bewegt hat. Ein älteres Ehepaar lag getrennt voneinander im Krankenhaus, die Ehefrau hier bei uns, der Ehemann in einer anderen Klinik. Als dieser verstarb, konnte die gemeinsame Tochter ihrer Mutter diese Nachricht nur am Telefon überbringen. Sie durfte sich nicht ans Bett setzen und sie in diesem erschütternden Augenblick in die Arme nehmen. Die alte Dame litt daraufhin unter Weinkrämpfen, die die Tochter aus der Distanz nicht lindern konnte. Ich setzte mich dann zu ihr – gehüllt in Schutzkleidung – und blieb bei ihr.

Ich habe ihr dabei geholfen, in Worte zu fassen, was sie in diesem Moment spürt. Ich habe mit ihr über den langen gemeinsamen Weg gesprochen, den sie mit ihrem Mann gegangen war. Ich kann also in einer so harten Zeit unterstützen, aber niemals das Fehlen enger Familienmitglieder kompensieren.

Amrai Hoischen ist Religionspädagogin und Klinikseelsorgerin an der St. Mauritius Therapieklinik in Meerbusch bei Düsseldorf.

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