„Wir kennen die Wahrheit nicht“

Psychiater Stefan Weinmann über den fragwürdigen Einsatz von Medikamenten in der Therapie psychisch Erkrankter

Ein Mann hält sich die Hände vor das Gesicht und steht dabei im Dunkeln und wir von einem roten Licht angeleuchet
Psychosen und Depression: Chronifiziert gerade die psychiatrische Behandlung das Leiden? © Getty Images

Herr Dr. Weinmann, Sie kritisieren das gesamte psychiatrisch-psychotherapeutische Hilfesystem. Was bewegt Sie zu dieser Fundamental-kritik?

Es gibt seit Jahren ein großes Unwohlsein vieler Psychiater mit der eigenen Arbeit und ein Bewusstsein dafür, dass wir etwas ändern müssen. Denn: Was erreichen wir mit unserer Behandlung? Nehmen Sie nur mal Menschen mit Psychosen: Wie viele Betroffene arbeiten? 10 bis 20 Prozent. Eine Minderheit. Die meisten Menschen mit einer depressiven Episode erkranken erneut. Ich habe mich in den letzten Jahren mit den Krankheits- und Behandlungsparadigmen der modernen Psychiatrie auseinandergesetzt, war an Forschungsprojekten zu Leitlinien, zur Medikamentenbehandlung und zu psychosozialen Therapien beteiligt. Was wir machen, ist manchmal kurzfristig hilfreich, aber langfristig sogar oft chronifizierend.

Ich fühle mich mit meiner Kritik keineswegs auf verlorenem Posten. Sicher, Sie haben recht, es ist gewagt, gleich ein ganzes Fachgebiet mit seinem vielgliedrigen Hilfesystem psychiatrischer, psycho­therapeutischer und anderer psychosozialer Angebote zu kritisieren. Ich denke aber, es ist an der Zeit, genau das zu tun.

Sie wollen damit sagen, dass dieses ganze System den Betroffenen gar nicht wirklich hilft?

Es gibt einfach viele Punkte in der psychiatrischen Versorgung, die nicht gut laufen und bei denen wir uns etwas vormachen. Wir haben in der Psychiatrie schon immer viel Selbsttäuschung betrieben und unsere Fehler erst dann korrigiert, wenn sie zu offensichtlich waren oder Veränderungen als…

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 5/2019: Bin ich gut genug?
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