Mehr Abstand, bitte!

Was wir denken, uns vorwerfen, ergrübeln ist nicht immer wahr. Wie eine kritische Distanz zu den eigenen Gedanken und Emotionen helfen kann

Selbstdistanz heißt: Man soll nicht alles glauben, was man denkt © Orlando Hoetzel

Mehr Abstand, bitte!

Manchmal schenken wir unseren eigenen Gedanken zu viel Glauben, verheddern uns darin und regen uns auf. Was tun? Abhilfe schafft eine gesunde Selbstdistanz, und die lässt sich trainieren

Irgendwann im Laufe des Jahres 2010 begann Kristina Wilms, ihre Gedanken zu fürchten. Kurz zuvor hatte sie ihr Masterstudium aufgenommen, aber das Gefühl, nicht richtig voranzukommen. Sie fühlte sich ausgepowert, die Situation machte ihr Angst – und in ihrem Kopf lief ein Horrorfilm an Gedanken ab, für den es keinen Ausschaltknopf gab: Sie würde ihr Studium aufgeben müssen, keinen Job finden und irgendwann allein in ihrer winzigen Wohnung sitzen, alt und verarmt. Oder sogar unter Brücken übernachten müssen, stets in Gefahr, von streunenden Hunden angefallen zu werden. „Für mich fühlte sich das alles wahr und richtig an“, sagt sie heute. „Wenn mir jemand gesagt hat: ,Das ist doch völliger Unfug; das wird nie passieren‘, konnte ich das nicht glauben.“ Inzwischen weiß Kristina Wilms, dass ihre Grübeleien Symptome einer Depression waren.

Das Gefühl, sich in einem Netz negativer Gedanken verfangen zu haben und diese für wahr zu halten, dürften auch viele Nichtdepressive kennen. Besonders pointiert hat es der Psychotherapeut Paul Watzlawick Anfang der 1980er Jahre in seiner berühmten Hammergeschichte beschrieben: Ein Mann will sich vom Nachbarn einen Hammer borgen, doch dann fällt ihm ein, dass der ihn am Vortag nur flüchtig gegrüßt hat. Mag der ihn etwa nicht? Das Hamsterrad im Kopf beginnt sich zu drehen, bis der Mann zum Nachbarn hinüberstürmt und ihn anbrüllt: „Behalten Sie Ihren Hammer!“

Können wir unseren eigenen Gedanken und Gefühlen vertrauen? Tatsächlich ist offenbar manchmal Vorsicht geboten, das jedenfalls empfehlen drei Ratgeber ihren Lesern: So betitelt der Paartherapeut Wolfgang Hantel-Quitmann sein Buch Die Othello-Falle. Du sollst nicht alles glauben, was du...

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 4/2018: Die Kunst der Zuversicht
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