Leben

Anders meditieren

In seinem neuen Buch will Fabrice Midal die Meditationspraxis von Zwängen und Konformismus befreien.

Anders meditieren

Viele Menschen perfektionieren alle Lebensbereiche – und natürlich will auch das Innehalten möglichst korrekt ausgeführt sein. Schluss damit, fordert Fabrice Midal

Millionen Menschen in den unterschiedlichsten Regionen der Welt meditieren. Auch in westlichen Ländern werden Meditationskurse inzwischen nicht nur in esoterischen Gruppen, sondern auch in Krankenhäusern, Schulen, Gefängnissen und Unternehmen angeboten. Meditation – in unseren Breiten vor allem aus dem Buddhismus hergeleitete Formen – gilt als Königsweg, um zu innerer Ausgeglichenheit zu kommen. Der Titel von Fabrice Midals Buch Die innere Ruhe kann mich mal trifft also das Herz dessen, was landläufig mit der heilenden Wirkung von Meditation verbunden wird. Und genau darum geht es dem französischen Philosophen und Begründer der Westlichen Meditationsschule in Frankreich.

Midal hat nicht einfach eine eigene Vorstellung von Meditation, er empört sich über etablierte Meditationsschulen die, so seine Kritik, eine spezielle Form von Unterdrückung und Uniformierung verbreiteten. Er setzt dagegen: „ … am Ende meditiert man nur wirklich, wenn man aufhört zu meditieren, (…) wenn man sich freimacht von dem Diktat, etwas erreichen zu müssen, etwas in Gang zu setzen, ein Ziel zu verwirklichen.“

Die Weisheit von Unwissenheit

Was der Autor statt Regeln und Zielsetzungen anbietet, klingt belebend und macht neugierig. Seelenfrieden entsteht für ihn durch das „Transformieren der Widrigkeiten des realen Lebens“ und bedeutet nicht etwa tiefenentspannte Ereignislosigkeit, sondern kann ein vitales, auch widerständiges Leben freisetzen. Midal will die Kraft der Meditation nutzen, um den Menschen aus der Sklaverei von Nützlichkeitserwägungen und vom Joch der Rentabilität zu befreien. Und er will Meditation als eine Form der Lebenskunst verbreiten, die Raum bietet für die Weisheit von Unwissenheit und die produktive Dimension des Scheiterns.

Das klingt interessant, ist allerdings zu Teilen nicht wirklich neu oder gar revolutionär. Viele spirituelle Ansätze, die auch mit Meditation arbeiten, haben ähnliche Ziele. So weiß man nicht recht, wogegen genau sich Midal abgrenzt, denn tatsächlich liegt seinem unkonventionellen Programm ein eher diffuser Begriff von Meditation zugrunde, der die unterschiedlichen Profile bestehender Lehren nonchalant ausblendet. Zwar verteidigt er den Buddhismus vehement gegen das Missverständnis, dieser rufe seine Anhänger auf, sich vom Leben abzukapseln. Ansonsten aber begegnet er der Fülle nicht genauer benannter Meditationsschulen mit generell harscher Kritik.

Radikale Einsichten

Dabei ist der Grundimpuls Midals, die Meditationspraxis von Zwängen, Konformismus und Missbrauch zu befreien, sympathisch und sein angriffslustiger Protest punktuell durchaus inspirierend. Spannend zu lesen sind auch manche seiner Exkurse zur Einordnung von Meditationslehren in die westliche Philosophie. Allerdings gerät der Autor im Verlauf des Buches so in den Sog seiner eigenen Überzeugungen, dass er sich zu bedenklichen Verallgemeinerungen hinreißen lässt wie etwa: „Die gängigen Methoden der Introspektion sind Augenwischerei.“ ­Befremdlich ist auch das häufige bevormundende „wir“ in Behauptungen wie „wir haben keine Vorstellung davon …“, oder „wir sollten uns von der Idee verabschieden …“ – zumal er selbst auf die Autonomie des Einzelnen pocht. Sein rebellischer Furor führt ihn denn auch zum paradoxen Aufruf: „Hören Sie auf zu gehorchen – Sie sind doch intelligent.“

Ein Extra des Buches ist die Fülle anregender Zitate, die von Platon und Hannah Arendt über Proust und Rousseau bis zu Saint-Exupéry und Karl Barth reichen und immer wieder gedankliche Räume öffnen. Zum Thema Verletzlichkeit verweist Midal auf den Tagebucheintrag von Etty Hillesum, den sie 1943 angesichts des bevorstehenden Transportes nach Auschwitz notierte: „Sich wappnen ist nicht dasselbe wie abzustumpfen. Sich wappnen heißt, zu einer inneren Festigkeit zu finden, die uns ermöglicht, weiterhin Risiken einzugehen, zu lieben, zu staunen und zu hoffen.“

Der Geist solch hellsichtiger, radikaler Einsichten durchzieht Midals Buch und macht es trotz aller Kritik an unscharfen Argumenten und fragwürdigen Selbst­inszenierungen zu einer aufschlussreichen Lektüre.

Fabrice Midal: Die ­innere Ruhe kann mich mal. Meditation radikal anders. Aus dem Französischen von Elisabeth Liebl. Dtv, München 2018, 190 S., € 14,90

Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 10/2018: Geschwister
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