Achtsam leben

​Bei sich sein – wie ging das gleich? Veronika Schantz lädt in ihrem neuen Buch dazu ein, öfter mal im eigenen Leben vorbeizuschauen.

Achtsam leben

Die fünfjährige Miriam telefoniert mit ihrer Großmutter. „Was machst du denn gerade?“, fragt die Oma ihre Enkelin. „Ich telefoniere“ antwortet Miriam. Wenn Veronika Schantz diese Geschichte in ihrem Buch über Achtsamkeit erzählt, signalisiert sie damit zweierlei: dass Achtsamkeit etwas Einfaches ist – und dass Kinder oft viel über ein achtsames Leben wissen, was wir Erwachsenen uns mühsam zurückerobern müssen.

Auf diesem Weg, der Menschen Bei sich selbst ankommen lässt, will die Autorin ihre Leser durch eine leicht zugängliche Darstellung wichtiger Elemente eines achtsamen Lebens unterstützen. Und damit die Theorie nicht so theoretisch daherkommt, vermittelt sie diese anhand von Beispielen und szenischen Entwürfen. Das liest sich flott, enthält allerdings im ersten Drittel des Buches auch viel Bekanntes, etwa über die Macht des Autopiloten, Stress und Leistungsfixierung.

Stolz, Schmerz, Wut und Freude als Prozesse

Spannend wird es mit der Frage: „Wie nehme ich die Welt wahr?“ Unseren Umgang mit Gedanken und Erinnerungen beleuchtet Schantz anhand von originellen Beobachtungen und Studienergebnissen, beispielsweise einer Untersuchung, bei der Zimmermädchen ermuntert wurden, das Putzen von Bädern und das Aufschütteln von Betten als eine ungewöhnliche Form des Fitnesstrainings zu betrachten. Unter feministischen Gesichtspunkten fragwürdig, aber als Experiment erfolgreich: Die Teilnehmerinnen, die ihren Job als Sport betrieben, hatten schon nach vier Wochen einen niedrigeren Blutdruck und durchschnittlich ein Kilo abgenommen.

Nun ist die Einsicht, dass unsere Gedanken unsere Welt bestimmen, nicht neu. Aber welche Konsequenzen das für unsere Bemühungen um ein achtsames Leben hat, wird hier ebenso erhellend vorgetragen wie die Beobachtungen zur Dynamik unserer Gefühle. Dass nämlich Stolz, Schmerz, Wut und Freude nicht, wie die substantivische Form suggeriert, Substanzen, sondern Prozesse sind, die sich beständig verändernd durch uns hindurchziehen.

Hilfreicher Begleiter für Annäherung an Achtsamkeit

Die pure Emotion hält, wie Matthias Ennenbach in seinem Praxisbuch buddhistische Psychotherapie ausführt, als elektrische Spannung etwa 20 bis 30 Sekunden. Gewicht für unser Erleben erlangt sie erst dadurch, dass wir sie mit Erinnerungen, Widerstand, Festhalten oder Ähnlichem „füttern“.

Veronika Schantz hat spürbar Freude an ihren Beispielszenarien. Mitunter entwickeln diese ihre unterhaltsame Wirkung allerdings zulasten inhaltlicher Genauigkeit. Als Begleiter für die (Wieder-) Annäherung an eine achtsame Lebensführung ist das Buch hilfreich. Nur an einigen Stellen hätte man sich mehr Innehalten und Subtilität gewünscht.

Etwa wenn die Autorin bei der Frage, ob wir uns überhaupt freuen dürfen, „während überall Kinder verhungern, Flüchtende im Meer ertrinken und Krieg, Terror oder Umweltkatastrophen ihre Schrecken verbreiten“, hier unbefangen elementare Katastrophen aneinanderreiht wie andernorts schlechte Angewohnheiten. Ist eine der Säulen von Achtsamkeit doch Empathie über den eigenen Horizont hinaus.

Veronika Schantz: Bei sich selbst ankommen. Eine achtsame ­Entdeckungsreise. Klett-Cotta, Stuttgart 2018, 248 S., € 14,95

Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 1/2019: Stille
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