Mein bestmögliches Ich

Selbstoptimierung ist eine große Chance, sofern sie richtig verstanden wird. Und sie bedeutet, auch etwas für andere zu tun.

Ein Mann steht vor einer großen Wand mit Bildern von Portraits, die er interessiert betrachtet.
Wer will ich sein? Zu welchem Ergebnis wir auch immer kommen – es wird nicht perfekt sein. © Oliver Weiss

Im deutschsprachigen Raum hat die Selbstop­timierung einen schlechten Ruf. Wird in der Medienöffentlichkeit über Selbstoptimierung diskutiert, so fallen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Begriffe wie „Zwang“, „Wahn“, „Diktat“, „Sucht“, „Falle“ oder „Hamsterrad“. Googeln Sie mal! Von sozialem Druck und unerfüllbaren Erwartungen ist die Rede, davon, dass wir uns einem unbarmherzigen Leistungsideal unterwerfen und dabei unser wahres Selbst verlieren. Was Letzteres denn eigentlich ist oder sein sollte, spielt eine untergeordnete Rolle. Im Vordergrund steht die Verlust- und Deformationsdiagnose.

Meist wird Selbstoptimierung in einen Zusammenhang mit dem Kapitalismus, dem Neoliberalismus und dem Quantified Self gerückt. Der überzogene Anspruch an das eigene Leben erscheint dann als Äquivalent zu überzogenen Ansprüchen an Wohlstandssteigerung und Wirtschaftswachstum. Wie nimmersatte Kapitalisten die Ressourcen der Erde ausbeuten, beuten nun Individuen ihre physischen und vor allem psychischen Ressourcen aus. Und wie der Geist der Rationalität alles in Zahlen ausdrückt, wird der vermessene, sich vermessende Mensch angeblich selbst zur Zahl. Diese Kritik hat eine lange Tradition, gerade in Deutschland. So klagte der modernekritische, antisemitische Philosoph Martin Heidegger, die neuzeitliche Quantifizierung ordne das Sein der Herrschaft der Zahl unter. Im Trend zum Kalorien- und Schrittezählen hätte er wohl einen Ausdruck des „uferlose[n] Treiben[s] verstandesmäßiger Zergliederung“ gesehen, das er dem Judentum zuschrieb.

Vor allem Menschen, die ihre Schäfchen bereits ins Trockene gebracht haben, können sich den Luxus erlauben, Selbstoptimierung abzulehnen. In einer komfortablen Situation, gleichsam am Ende der Geschichte, schimpft es sich leicht auf die Optimierung der anderen. Jenen indes, die keine Privilegien genießen, die vielleicht unter prekären Bedingungen darben und denen der Zugang zu Ressourcen verwehrt ist, mag Selbstoptimierung als eine Verheißung erscheinen. Auch fällt denen, die in stabilen Verhältnissen leben, ein Dasein ohne numerische Leitplanken leichter. Wer aber Unsicherheit erlebt und seine Gewissheit weder im Esoterischen noch im Spekulativen sucht, dem können die nüchternen Zahlen zumindest eine Basisorientierung geben. Nicht zuletzt vernimmt man die geläufige Kritik der Selbst­optimierung, vor allem die Kritik an Körper-Upgrades, sogenannten Enhancements, oft aus dem Munde von Gesunden. Für Beeinträchtigte hingegen bieten Enhancements, ob Prothesen oder Implantate, mitunter die einzige Chance, überhaupt am Alltagsleben der Gesunden teilzunehmen. Was den einen ein Angsttraum vom posthumanen Cyborg ist, ist für andere ein Weg zu mehr Teilhabe an menschlicher, allzumenschlicher Normalität.

Ein lustvoller Prozess

Die reflexhaften Einlassungen zur Selbstoptimierung verlangen nach einer differenzierten Gegenposition. Andernfalls erstarrt der Diskurs über Selbstoptimierung wie das Kaninchen vor der Schlange. Wir gehen der Macht des Marktes ex negativo auf den Leim, wenn wir selbst nur noch von Smartwatches, Leistungsdruck und Ökonomisierung sprechen, anstatt alternative Szenarien zu entwickeln. In diesem Essay vertrete ich deshalb die These, dass Selbstoptimierung ein menschliches Grundbedürfnis ist und ein lustvoller Prozess sein kann.

Was gibt es Schöneres, könnte man ketzerisch fragen, als das Bestmögliche aus sich zu machen? Nach dem Schlechten und Mittelmäßigen muss man nicht streben, das stellt sich schon von allein ein. Alexander von Humboldt schrieb 1799 richtig: „Der Mensch muss das Gute und Grosse wollen! Das Uebrige hängt vom Schicksal ab.“ Während der Wunsch, sich selbst und die Umwelt zu optimieren, ein Ausdruck von Optimismus ist, lässt sich das Misstrauen gegenüber Selbstoptimierung als Teilaspekt jener depressiven, angsterfüllten Grundstimmung deuten, die Teile des sich im Abstieg wähnenden Westens ergriffen hat.

Die Idee der Selbstoptimierung über den Haufen zu werfen, nur weil sie von selbstgerechten Neoliberalen und sonstigen Marktschreiern instrumentalisiert wird, ist ein klassischer Fall des Kind-mit-dem-Bade-Ausschüttens. Mit derselben Begründung könnte man die Idee des freien Marktes ablehnen, nur weil sie pervertiert worden ist – dabei lagen ihr einst emanzipatorische, ja sogar linke Bestrebungen zugrunde: die Überwindung von Leibeigenschaft, Monopolen, ungerechten Zöllen. Auch die sozial­revolutionären Ideen des Christentums, etwa das Durchbrechen der Gewaltspirale, könnte man mit Hinweis auf die von Jesus so nicht geplante Institution des Papsttums oder die Kreuzzüge für obsolet erklären. Es ist deshalb an der Zeit, den Begriff der Selbstoptimierung einer Revision zu unterziehen, anstatt sich mit Kulturpessimismus, heideggerscher Modernekritik und Lobreden auf irgendeine diffuse Essenz der wahrhaftigen Identität zu begnügen.

Problem gelöst – neues Problem

Menschen können zunächst einmal gar nicht anders, als mehr aus sich machen zu wollen. Wir sind Möglichkeitswesen, die im Offenen existieren. Unsere Identität ist die Arbeit an ebendieser. Dazu schrieb der Philosoph Hans Jonas 1970: „Von dem Umstand, dass die Natur des Menschen weit mehr ,Möglichkeit‘ ist als gegebenes Faktum, hängt unser ,einfühlendes‘ Verstehen auch solcher Erfahrungen anderer Seelen ab, tatsächlicher oder fiktiver, die wir vielleicht niemals in uns selbst zu replizieren vermögen.“ Es gibt folglich keinen finalen Idealzustand, den wir konservieren könnten. Was wir auch tun, es tun sich dadurch neue Herausforderungen auf. Jedes gelöste Problem schafft neue Probleme. Nie wurde diese Binsenweisheit sinnfälliger als in der Baumarktwerbung: „Es gibt immer was zu tun.“

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 8/2019: Paare im Stress
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