Kein „Gefühl“ für Gesichter

Wie sieht mein Mann nochmal aus? Menschen mit einer Gesichtsblindheit (Prosopagnosie) fällt es schwer, Menschen an ihrem Gesicht zu erkennen.

Eine junge Frau denkt nach, weil sie an Gesichtsblindheit leidet und sich einfach keine Gesichter merken kann
Verdammt, wie sieht nochmal die Kollegin aus, der ich einen Strauß übergeben muss? © Westend61/Getty Images

„Es gibt eben Sachen, die man besser oder schlechter kann als andere, und Gesichter erkennen ist halt nicht so mein Ding.“ Sein kleines Handicap, das der Arzt Thomas Grüter da beschreibt, nennt sich angeborene Prosopagnosie. Den Betroffenen fällt schwer – manchen ist es sogar unmöglich –, was für die meisten von uns selbstverständlich ist: Mitmenschen anhand ihrer Gesichter zu identifizieren.

Um sich im Alltag zurechtzufinden, verlegen sie sich früh auf alternative Strategien. Wo Gesichter vage bleiben, merken sie sich Eltern, Geschwister und Kollegen an der Art, wie sich diese bewegen, sie achten auf Kleidung, Frisuren oder Stimmen. Viele bemerken ein Leben lang nichts von ihrem Defekt. Sie halten sich eben für ein wenig unaufmerksam und vergesslich.

Thomas Grüter war Anfang 40, als er seine Diagnose erhielt: von seiner Frau, damals noch Medizinstudentin, die dann später eine Dissertation zum Thema schrieb, über die Genetik der angeborenen Prosopagnosie. Es ist ein wissenschaftlich noch ziemlich unterbelichtetes Feld. Obwohl sich vor allem in Deutschland und Amerika Neurologen für das Phänomen interessieren, kam es bislang zu keinem entscheidenden Durchbruch bei der Suche nach Ursachen und Therapiemöglichkeiten der Störung. Während Legasthenie, Farbenblindheit, ja selbst eine Sonderbegabung wie das absolute Gehör viel Aufmerksamkeit finden, bleibt die Prosopagnosie eine der am häufigsten übersehenen Teilleistungsschwächen.

Diagnose nach dem Ausschlussverfahren

„Eine direkte Diagnose ist in der Tat schwierig“, sagt Boris Suchan, Neuropsychologe an der Ruhr-Universität Bochum. Bislang gibt es keinen Test, der Prosopagnosie zweifelsfrei diagnostiziert. „Wir arbeiten nach wie vor nach dem…

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