​ Warum entwickeln Menschen eine Kaufsucht, Frau Müller? ​

Die Psychologin Astrid Müller ging der Frage nach, ob sich eine zu intensive Bindung an persönliche Dinge zu einer Einkaufssucht auswachsen kann.

Professorin Müller, Sie berichten in einem Fachartikel vom Phänomen der Objektbindung als einem möglichen Symptom einer Kaufsucht. Was hat beides miteinander zu tun?

Dazu gibt es noch kaum empirische Evidenz. Aber wir können zu Dingen eine emotionale Bindung entwickeln und ihnen menschenähnliche Eigenschaften verleihen. Es kann zum Beispiel um Erinnerungen gehen. Ich hatte eine ältere Patientin, die per TV-Shopping bestimmte Steine bestellte, weil die sie an gemeinsame Urlaube mit ihrem verstorbenen Mann erinnerten. Daraus entwickelte sich eine Sucht, sie konnte es nicht mehr steuern.

Hinter einer zu starken Objektbindung kann aber auch eine Identitätsstörung stecken. Dann binden wir uns an Objekte, um mit diesem Defizit zurechtzukommen und es zu meistern. Es geht auch um narzisstische Wünsche, beispielsweise wenn eine Frau sich Kleider kauft, wie sie Prominente tragen, um so auszusehen und so zu sein wie diese. Manchen Menschen sind materielle Werte sehr wichtig. Starke Objektbindung ist aber nicht zwingend ein Symptom einer Einkaufssucht.

Internationale Studien und Metaana­lysen legen nahe, dass etwa fünf Prozent der Bevölkerung anfällig sind, eine Kauf­sucht zu entwickeln. Was bedeutet es, unter einer Kaufsucht zu leiden?

Kaufsüchtige verlieren zu oft die Kontrolle über ihren Warenkonsum, weil sie unter einem starken inneren Drang stehen, sich ständig etwas Neues kaufen zu müssen. Sie denken an nichts anderes mehr und tun es ständig. Manche bestellen sich alle vier Wochen ein neues Smartphone, andere kaufen so viel Kleidung, dass sie die Pakete gar nicht mehr auspacken. Sie kaufen Dinge, die sie nicht brauchen, sie kaufen mehr, als sie wollen, oder sie kaufen impulsiv etwas, obwohl sie das ursprünglich nicht beabsichtigt hatten.

Manche verkaufen die überschüssigen Anschaffungen, andere werfen sie weg, wieder andere horten sie, bis die Wohnung ein Chaos ist. Es wird mehr Geld ausgegeben als vorhanden und es kommt sehr oft zu finanziellen Problemen. Etliche Betroffene versuchen, das so lange wie möglich zu ver­heimlichen, und lügen, und fast immer kommt es zu Konflikten mit Partnerinnen oder Freunden. Das Gehirn hat sich verändert und zeigt Anzeichen einer Sucht, wie bei anderen Verhaltenssüchten auch.

Gibt es Unterschiede zwischen traditionellem und Onlinekonsum?

Unsere Erfahrungen legen nahe, dass Onlineshopping die Lage der Betroffenen verschärft. Eine Patientin berichtete mir, dass sie mitunter sieben Stunden am Stück bis tief in die Nacht damit beschäftigt ist, in diversen Onlineshops nach Kleidung zu suchen. Das ist eine enorme kognitive Anstrengung. Auch die Bezahlmethoden, die ständige Verfügbarkeit und vor allem die Anonymität beim Shoppen, also das Nicht-dabei-beobachtet-Werden, spielen eine Rolle.

Wie kann man sich selbst schützen?

Aufmerksam sollte man werden, wenn das Kaufen immer wichtiger wird und häufiger als Mechanismus eingesetzt wird, sich selbst zu belohnen oder von unangenehmen Gefühlen abzulenken. Dann kann es kritisch werden.

Astrid Müller ist leitende Psychologin an der Klinik für Psychosomatik und Psycho­therapie der Medizinischen Hochschule Hannover. Sie forscht über Verhaltenssüchte und speziell über die Kaufsucht

Astrid Müller u.a.: Object attachment in buying-shopping disorder. Current Opinion in Psychology. DOI: 10.1016/j.copsyc.2020.08.019

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