Keine Angst vor ... dem Schlafen

Eine unbedachte Äußerung hatte ihm den Schlaf geraubt: In Schockstarre lag Nicolas Bauer nachts in seinem Bett.

Eine unverantwortliche Äußerung hatte ihm den Schlaf geraubt: Nicolas Bauer, Auszubildender. © Andreas Reeg

Nicolas Bauer erzählt: Ohne Wecker wache ich manchmal erst mittags auf. Wahrscheinlich habe ich noch immer Nachholbedarf: Ich habe sechs Wochen lang nicht geschlafen, weil ich Angst hatte, nicht mehr aufzuwachen.

Angefangen hat alles vor zwei Jahren mit dem Satz einer Betreuerin in meinem Internat. Ich hatte den Küchendienst vergessen, woraufhin sie mir abends vor dem Einschlafen sagte, ich hätte vielleicht einen Gehirntumor.

Ich habe als Baby im Mutterleib zu wenig Luft bekommen und deshalb eine infantile Zerebralparese. Manchmal fällt es mir schwer, Aussagen zu beurteilen. Den Satz mit dem Gehirntumor habe ich für bare Münze genommen. Ich lag die ganze Nacht schockstarr da. Als meine Eltern am nächsten Tag zu Besuch kamen, war ich so abwesend, dass sie den Notarzt gerufen haben.

Mein Gehirn war in Ordnung, aber meine Angst blieb. Die folgenden Wochen verbrachte ich zu Hause bei meiner Familie im Bett. Meine Eltern und mein Zwillingsbruder versicherten, mich zu bewachen, falls ich einschlafen sollte. Aber nach dem übergriffigen Satz der Betreuerin fehlte mir jedes Vertrauen.

Erst zwei Wochen nach dem Vorfall spürte ich mich allmählich wieder und und fand aus der Schockstarre heraus. Auch die Zeit mit meiner Familie und feste Tagesabläufe halfen.

Nach sechs Wochen bin ich zum ersten Mal eingeschlafen, ohne sofort hoch­zuschrecken. Schon beim Aufwachen habe ich mich besser gefühlt. Das war so beruhigend, dass ich seitdem keine Angst mehr vor dem Schlafen habe. Bis ich durchschlafen und zurück ins Internat konnte, hat es aber ein halbes Jahr gedauert.

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 4/2021: Selbstwert wagen
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