Spiritualität für Skeptiker

Der Neuropsychologe Ulrich Ott präsentiert ein Konzept wissenschaftlich gestützter Meditation.

Der Neurowissenschaftler Ulrich Ott untersucht seit 20 Jahren veränderte Bewusstseinszustände und Meditation wissenschaftlich und verfügt gleichzeitig über eine jahrzehntelange buddhistische Meditationserfahrung. Gelingt es ihm zu zeigen, dass gespürte „feinstoffliche“ Energien während der Meditation keineswegs in einem Widerspruch zum naturwissenschaftlichen Verständnis der Wirklichkeit stehen?

Meditative Entspannungstrainings und Aufmerksamkeitsschulungen haben sich in den letzten Jahren rasant ausgebreitet. Das Bedürfnis, in der eigenen Mitte Ruhe und Frieden zu finden, ist gerade im hektischen Zeitalter digitaler Medien angewachsen. Zahlreiche Apps und Wellness-Coaches bieten sich als Führer persönlicher Innenweltreisen an, häufig garniert mit allerlei esoterischem Beiwerk oder gar auf Grundlage eines spiritistischen Weltbildes.

Das Praxisbuch Spiritualität für Skeptiker von Ulrich Ott beschreitet einen anderen Weg, auf dem sich Wissenschaft und Spiritualität auf Augenhöhe begegnen. Das gelingt dem Autor deshalb gut, weil er als Neuropsychologe von den Gehirnfunktionen ausgeht. Anker und Ausgangspunkt aller vorgestellten Übungen ist stets der eigene Körper.

Was kann Meditation?

Meditation versteht Ott als „Training zur Selbstregulation“, das neben der Entspannung und Konzentration auch prosoziale Emotionen wie Mitgefühl hervorrufen könne und sogar die Realitätswahrnehmung in Richtung der Allverbundenheit und Nichtdualität zu erweitern imstande sei. Im Hinblick auf spirituelle Gipfelerfahrungen ist der Autor aber vorsichtig. Er unterstreicht, dass es nötig ist, durch stetes Üben ein gut funktionierendes und integriertes Ich zu entwickeln, bevor man es mit fortgeschrittenen Techniken der Meditation zeitweise auflösen könne.

Das Praxisbuch ist persönlich und verständlich geschrieben. Im Hauptteil des Buches leiten drei geführte Meditationen die Leserinnen und Leser dazu an, ihren Körper, ihre Gefühle und ihr Bewusstsein zu erforschen. Es macht neugierig, die eigene Innenwelt meditativ zu erkunden. Dabei richtet es sich explizit an aufgeklärte Skeptikerinnen und Skeptiker, die mystische Erlebnisse in religiösen Zusammenhän­gen als unwissenschaftlich und dogmatisch ablehnen.

Interreligiöse Erfahrungsberichte fehlen

Leider übergeht der Autor die reichhaltigen meditativen Erfahrungsschätze der abrahamitischen Religionen. Die differenzierten jüdischen, christlichen und islamischen Gebetstheologien und -praktiken hätten diese Einführung bereichern und ergänzen können, weil dort über die Jahrhunderte ebenfalls bewährte Techniken der Kontemplation und des Gebets entwickelt wurden, die religionspsychologisch überprüft wurden.

Nicht nur der Buddhismus, in dem der Autor verwurzelt ist, liefert empirisch gut bestätigte spirituelle Gesundheitsangebote. Ott verschweigt, dass der Begriff Spiritualität der Bibel entstammt und den von dem Geist Gottes (spiritus sanctus) angeleiteten Menschen beschreibt. Für eine zweite Auflage dieses empfehlenswerten Buches wären hier interreligiöse Ergänzungen sinnvoll.   

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 11/2021: Egoisten
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