Wir und die Töne

Psychologie nach Zahlen: 5 Rollen, in denen wir uns mit Musik auseinandersetzen, vom Musizieren bis zur Spotify-Playlist.

Die Illustration zeigt drei Menschen, die fröhlich, Noten und Notenschlüssel in der Hand halten wie Musikinstrumente.
Musik hat große Wirkung auf uns: Sie kann uns zu Performern machen, bei der Selbstfindung helfen und sogar von jedem Menschen anders gehört werden. © Till Hafenbrak für Psychologie Heute

Musik verlangt Menschen ganz unterschiedliche Fertigkeiten ab, je nachdem auf welche Weise wir in sie involviert sind. Musikpädagoge Robert Woody beschreibt in seinem neuen Buch fünf musikalische Rollen – jede mit ihren eigenen Anforderungen und Besonderheiten.

1. Musik komponieren

Es sei nicht schwer zu komponieren, hat Johannes Brahms einst gesagt. „Aber es ist fabelhaft schwer, die überflüssigen Noten unter den Tisch fallenzulassen“, fügte er hinzu. Mit dieser Bemerkung stand er heutigen Forschungserkenntnissen deutlich näher als viele seiner Zeitgenossen, die Komposition für göttliche Eingebung oder Ausgeburt des Wahns hielten.

„Obwohl bestimmte pathologische Zustände die Produktivität eines kreativen Menschen befördern können – vor allem Phasen der Manie im Kontext einer bipolaren Störung –, deutet die Mehrzahl der wissenschaftlichen Beweise darauf hin, dass das ‚verrückte musikalische Genie‘ ein Mythos ist“, schreibt Robert Woody. Von göttlicher Inspiration könne ebenfalls nicht die Rede sein.

„Musikalisches Schaffen lässt sich am besten als Bestandteil gut geschulter Musikalität und nicht als eine spezielle Fähigkeit verstehen“, so Woody. Komponieren baue auf früher erworbenen musikalischen Fertigkeiten auf. Wer beispielsweise Brahms, Bach und Beethoven beherrscht, hat prinzipiell das musikalische Know-how und Gespür, um neue Musik zu kreieren – sofern sie oder er die Mühe auf sich nimmt, „die überflüssigen Noten unter den Tisch fallenzulassen“.

2. Musik darbieten

Wer für seine Mitmenschen musiziert, spielt nicht nur die Noten herunter, sondern „performt“ das Stück. In dieser Rolle ist es nicht damit getan, sein Instrument zu beherrschen. Auf der Bühne zählen auch „außermusikalische Fertigkeiten“ wie Gestik, Mimik und mehr. Fachleute sprechen von Bühnenpräsenz. Vor allem in besonders ausdrucksstarken Momenten der Musik wird das Dargebotene gestisch unterstrichen. Diese Gebärden „können das Publikum und dessen Interpretation der Musik stark beeinflussen“, schreibt Woody.

Das untermauert ein Experiment, in dem Freiwillige die Gewinner und Gewinnerinnen internationaler Wettbewerbe für klassische Musik anhand von deren Auftritt identifizieren sollten. Zwar gaben die allermeisten (83 Prozent) an, dass sie sich bei ihrem Urteil vor allem vom Klang leiten ließen, tatsächlich aber waren sie deutlich besser in der Lage, die Preisgekrönten anhand von reinen Videoaufnahmen (53 Prozent) als anhand von reinen Audioaufnahmen (25 Prozent) zu identifizieren.

3. Musik lehren

Ein amerikanisches Sprichwort besagt: „Wer es kann, tut es – wer es nicht kann, lehrt es.“ Dem widerspricht die Musikpsychologie. So gebe es wichtige Überschneidungen zwischen den Fähigkeiten von Musizierenden und denen von Musiklehrenden, etwa das fortgeschrittene Beherrschen eines Instruments. Allerdings gehen viele andere Fähigkeiten weit auseinander, berichtet Woody anhand von Studien: „Genauso wie Performerinnen eine Reihe von Fähigkeiten erwerben müssen, um erfolgreich zu sein, entwickeln effektive Musiklehrerinnen ihre eigene Palette von speziellen Fähigkeiten.“

Einen essenziellen Unterschied macht hier die pädagogische Ausbildung: Musiklehrer vermitteln dem Nachwuchs nicht bloß das Spielen. Vielmehr wecken sie Wertschätzung für die Musik und regen zu einer kritisch-reflektierten Auseinandersetzung mit der Musik an, die im besten Fall ein Leben lang anhält. Zudem beziehen Lehrerinnen die Klasse in Unterrichtsentscheidungen mit ein – etwa in die Auswahl von Musikstücken, die es dann zu spielen gilt. Auf diese Weise fördern sie die Autonomie im Umgang mit Musik.

4. Musik hören

Wer einem Musikstück aufmerksam folgt, kann sich meistens nur einem Bruchteil des Liedes oder der Melodie widmen – so komplex und vielschichtig sind sogar die scheinbar banalsten Popstücke. Und selbst wenn wir dieselbe Musik wie andere Menschen hören, so hört jede und jeder von uns etwas anderes. Dazu tragen auch akustische Täuschungen wie das Tritonus-Paradoxon bei: Bestimmte musikalische Intervalle nehmen manche Menschen als aufsteigend, andere hingegen als absteigend wahr. Eine weitere akustische Täuschung ist die sogenannte „unendliche Tonleiter“ – eine vermeintlich immerzu ansteigende oder abfallende Tonleiter, die dabei absurderweise niemals die natürlichen Frequenzgrenzen des menschlichen Hörvermögens übersteigt.

Auch anatomische Merkmale unserer Ohren verwandeln ein Musikstück, dem Millionen von Menschen lauschen, in etwas jeweils Einzigartiges: „So hat beispielsweise die Größe des Gehörgangs einen Einfluss darauf, welche Tonfrequenzen verstärkt werden, wenn sie das Trommelfell erreichen“, erklärt Woody.

Zum Beispiel erhält eine Person mit einem kleineren Gehörgang eine natürlichere Verstärkung von Tönen mit höheren Frequenzen. Darüber hinaus gilt jedoch: Das Ohr bündelt die akustischen Reize – aber die Musik und unsere Reaktion auf sie entstehen dank der Verarbeitung und Auswertung im Gehirn.

5. Musik wertschätzen

Laut einigen Forschenden ist das Alter von 14 Jahren ein „magisches Alter für die Entwicklung des Musikgeschmacks“. Während andere dieser Theorie widersprechen, sind sich die Fachleute generell einig, dass die Musikstücke aus unserer Jugend deshalb ein Leben lang eine wichtige Bedeutung für uns behalten, weil, so Woody, „diese Jahre Zeiten der Selbstentdeckung und folglich emotional aufgeladen waren“. Auch Erwachsene benutzen Musik in ihrem Alltag – zwar nicht länger für die Selbstfindung, aber für eine Reihe von alltäglichen Aktivitäten wie besonderen Anlässen: auf der Fahrt zur Arbeit, beim Sport, im Urlaub oder bei dem Gang zum Traualtar.

„Hier wird Musik nicht etwa als ‚Hintergrundmusik‘ benutzt, sondern eher als ‚Soundtrack‘, den die Menschen für ihr Leben wählen“, so Woody. Die Bezeichnung Soundtrack sei auch deshalb passend, weil die Musikauswahl die Identität und Vorlieben der oder des Einzelnen affirmiere. Außerdem biete sie wichtigen Trost und Halt: Selbst traurige Stücke können helfen, indem sie etwa die Ausschüttung des „Wohlfühlhormons“ Prolaktin fördern – eine der zahlreichen Besonderheiten der Musik.

Zum Weiterlesen

Robert H. Woody: Psychology for Musicians. Understanding and Acquiring the Skills. Oxford University Press, New York 2022 (2. Auflage)

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Dieser Artikel befindet sich in der Ausgabe: Psychologie Heute 1/2023: Selbstmitgefühl
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